Immer tiefer drang das Eisen des Bohrers hinab. Das Loch in der Sandsteinschicht wurde weitgemacht und rund ausgehauen, die Erde in dem neuen Schacht abgegraben und durch einen Göpel herausgebracht, und die Wände wurden verschalt und abgesteift. Mit der Miene gediegener Sachverständigen guckten die Bauern von oben in das immer tiefer werdende Loch hinunter und freuten sich, als sie eines Tages entdeckten, daß es drunten so finster geworden war, daß sie nicht mehr bis auf den Grund sehen konnten. Nun fing es doch endlich an, ein richtiges Bergwerk zu werden.

Keinen andern Gesprächstoff kannte man mehr, als Bergbauwissenschaft, und man erörterte ernsthaft, ob nicht neben Silber auch Kohlen in der Nähe zu finden seien. Nur der alte Lederhannes, der die Leute im Dorfe versohlte, lachte und spottete über das Beginnen. Auf der Erde, meinte er, wäre dem Bauern vom Himmelsvater die Arbeit zugewiesen; um das, was im Bauche der Erde verborgen sei, brauche er sich nicht zu kümmern. Aber die Rehefelder zuckten die Achseln und sagten, mit siebzig Jahren – so alt war der Spötter – werde der menschliche Geist mürbe und brüchig, wie dem Hannes seine Stiefelsohlen lebtags gewesen seien.

Die Sandberge rund um den Schacht wuchsen mächtig an, denn seine Tiefe betrug nun schon an die hundert Ellen. Doch mit jeder Elle tieferen Hinabdringens wurden die Gesichter der Bauern länger, aber noch immer wollte sich kein Erz zeigen. Zudem fragte der Lederhannes höhnisch, was sie mit dem vielen Sand anfangen und ob sie ihn nicht probeweise von dem gelehrten Manne zu einem Düngemittel für die Saatfelder verarbeiten lassen wollten. Der Fremde hatte aber schon zweimal wieder von den Bauern Geld verlangt, das sie ihm mit Rücksicht auf die bereits hineingesteckten Tausende auch gegeben hatten.

Einige Monate hatte der schöne Wahn vorgehalten, dann brach er, gleichzeitig mit dem Schachte, plötzlich in sich zusammen. Als eines Morgens die Arbeiter die Einsteigleitern betreten hatten, um sich zum gewohnten Tagewerke hinabzubegeben, da vernahmen sie in der Tiefe dumpfes Rauschen. Ein paar Beherzte stiegen hinunter und fanden, daß die Sohle des Schachtes tief hinabgesunken war und unter Wasser stand. An mehreren Stellen hatte sich die Verschalung gelöst und war hinuntergestürzt. Da gerieten die Bauern in helle Verzweiflung und fragten nach dem Anstifter des Unglücksunternehmens. Der aber war und blieb verschwunden. Wahrscheinlich hatte er den Schaden vorausgesehen und sich in weiser Vorsicht rechtzeitig aus dem Staube gemacht. Nun erfuhren die Beteiligten zu dem Schaden noch reichlichen Spott, und sie zogen es vor, den Verlust und die Enttäuschung klaglos zu tragen.

Den Schacht aber überließ man seinem Schicksale. Die Steigleitern wurden zwar gerettet, wie man aber auch die Verschalung losreißen wollte erwies sich dieses Vorhaben als sehr gefährlich für die Arbeiter, und man ließ davon ab. Dann deckte man das Loch zu und ging mit Eifer an die willkommene Ausbeutung des Steinbruches, bis sich endlich der Schacht oben trichterförmig erweitert hatte. Zuletzt wollte niemand mehr von den schwierig zu gewinnenden Steinen etwas wissen. Und als die Deckbretter verfault und hinabgestürzt waren, weigerte sich jeder, sie zu erneuern. Man umgab den oberen Rand des Steinbruches mit einer hölzernen Einfassung, um einen in der Dunkelheit von dem in der Nähe vorüberführenden Wege etwa Abkommenden vor dem Hinabstürzen zu bewahren. Von dem schwedischen Hauptmann aber, dessen wildgewordenes Roß im Verlaufe des dreißigjährigen Krieges mit seinem Reiter über die Barriere hinwegsprang und den niemand wiedersah, hatte der Schacht seinen Namen erhalten.

Man ahnte, daß das Schwedenloch bodenlos sei, und jedermann vermied es, in seiner Nähe zu verweilen. Die jungen Mädchen aus dem Dorfe erzählten sich an den langen Winterabenden schauerliche Geschichten von dem Orte, und seit jener stürmischen Neujahrsnacht, in der ein von Zehmen zurückkehrender Knecht kreidebleich im Gasthof erschienen war und aussagte, am Steinbruche jage ein schwarzer Reiter auf feurigem Rosse umher, wurde der Ort selbst von den Erwachsenen mit Scheu gemieden.

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Als Max in der dichtgefüllten Wirtsstube erschien, verstummte das in trägem Flusse sich dahinwindende Gespräch sofort gänzlich, und alle sahen auf ihn und waren begierig darauf, die letzten Abmachungen zu hören. Die Ausmarschierenden hatten sich an einem langen Tische niedergelassen, in dessen Mitte und zwar so, daß sie das Zimmer übersahen, Max und Konrad saßen. Freundlich schien die Oktobersonne durch die Fenster und spielte auf den ernsten Gesichtern der Männer.

Der Abmarsch sollte am nächsten Morgen frühzeitig und in aller Stille erfolgen. Wenn die Kirchturmuhr die fünfte Stunde verkündete, mußte jeder am Freihofe eingetroffen sein, von wo es dann ohne Aufenthalt weiterging. Niemand außer den fortziehenden Männern sollte die Dorfgasse betreten, denn man konnte nicht wissen, ob nicht französische Patrouillen in der Nähe herumspionierten, denen das Dorf infolge Auffliegens ihres großen Pulvervorrats vielleicht verdächtig erschien.

Die Kunde, daß französische Reiter am Schwedenloch gesehen worden seien, bestärkte die Männer in ihrer Vorsicht, und als einige zurückbleibende Bauern sich erboten, einander ablösend während der Nacht die Dorfausgänge zu beobachten, wurde dieser Vorschlag allgemein gutgeheißen. Zuletzt erklärte der Rabensteiner, sogleich nach dieser Besprechung auf dem Wege nach Gröbern soweit vorwärts reiten zu wollen, bis er auf die preußischen Vorposten stoße. Sollte er in dieser Gegend aber französische Uniformen sehen, so würde er versuchen, über Göhren seinen Zweck zu erreichen. Auf alle Fälle mußte man genau wissen, welche Richtung morgen früh einzuschlagen war. Überall schwärmten kleine französische Reiterhaufen herum, deshalb war große Vorsicht geboten. In der Nacht abzumarschieren, erschien ihnen nicht ratsam, da die Franzosen infolge der großen Nähe des Feindes sehr auf der Hut sein würden.