Markig, doch aus tiefer Bewegung heraus, klangen die Worte des Geistlichen, und das Ergriffensein ihres verehrten Pfarrers teilte sich der Gemeinde mit; die Weiber schluchzten und die Kinder weinten. Die Erschütterung wuchs, und reichliche Tränen flossen, als er die Männer segnete. Wie darauf Pastor Reinerz aber davon sprach, daß die vaterlosen Kindlein Gott am nächsten stünden, da brach plötzlich die bebende Stimme des Greises, und der Jammer übermannte die Versammelten, und das Schluchzen wurde so stark, daß der Geistliche wohl minutenlang nicht weitersprechen konnte. Zugleich mit dem Schmerz erfüllten aber heiliger Zorn und Empörung gegen die Bedrücker Aller Brust, und aus den Seelen der Hartgeprüften rang sich zum Himmel empor der flehentliche Schrei: »Herr, mach’ uns frei!«
Dann erklang die Orgel von neuem, und die Gemeinde stimmte mit Inbrunst das Lied an: »Befiehl Du Deine Wege, und was dein Herz nur kränkt, der der allertreusten Pflege des, der den Weltkreis lenkt –«
Hierauf leerte sich langsam das Gotteshaus.
24. Kapitel.
Die Männer hatten sich zu einer letzten Besprechung nach dem Gottesdienst in die Schenke verabredet, da der übrige Teil des Tages den Angehörigen gewidmet sein sollte.
Max hatte die Seinen nach dem Freihofe zurückbegleitet und fand, als er nach kurzer Zeit in die Wirtsstube trat, alle schon versammelt. Das halbe Dorf war auf den Beinen und umlagerte den Gasthof, und die Neugierigsten unter der Jugend umdrängten die Fenster und versuchten zu erfahren, was drinnen beschlossen wurde. Auch lief das Gerücht herum, daß eine französische Patrouille von fünf Reitern außerhalb des Dorfes gesehen worden sei und den Schauplatz der Verwüstung besichtigt hätte. Sodann seien die Reiter beim Schwedenloch abgesessen und hätten dort auch ihre Pferde gefüttert. Die Zaghaften unter den Einwohnern aber sagten, Pferde in der Nähe des Schwedenloches wären keine gute Vorbedeutung, und die den Lebenden von Mund zu Mund überlieferte Erzählung des Ursprungs dieser Stätte wurde wieder aufgewärmt.
Mit dem Schwedenloch verhielt es sich nun folgendermaßen.
Vor etwa zweihundert Jahren war, vom Erzgebirge her kommend, ein unbekannter Mann im Dorfe erschienen. Der Fremde behauptete, er sei ein großer Bergverständiger und habe schon manchem dadurch zu Reichtum verholfen, daß er auf seinem Besitz eine schwere Silberader entdeckte. Die Gegend um Rehefeld erscheine ihm versprechend, und er werde versuchen, hier nach Silber zu graben.
Darüber lachten die Bauern, weil sie dachten, der Fremde sei ein Spaßmacher. Aber dieser verfügte über eine gute Zunge, und als er zu ihnen von dem Reichtum sprach, den selbst ein kleiner Silberbergbau abwerfe und mit lebendigen Worten die freudige Überraschung zu schildern verstand, die in andern Gegenden die hartnäckigsten Zweifler angesichts der reichen Ausbeute der von ihm gegrabenen Schächte nach kurzer Zeit überkommen sei, da wurden die Bauern nachdenklich. Das Lachen verschwand von ihren Gesichtern, und sie kraulten sich bedächtig hinter den Ohren, und einer fragte den andern, ob er sich mit ein paar Hundert Talern etwa beteiligen würde. Anfänglich schien niemand dazu geneigt. Als aber der Schätzesucher hoch und teuer beschwor, daß sich das Geld über Nacht zwanzig- und dreißigfach verzinsen könne, und er davon sprach, bei längerem Weigern das Kapital auf den umliegenden Dörfern aufzubringen, da wurden die Rehefelder neidisch auf die von Gröbern und Zehmen, und in wenigen Tagen war die verlangte Summe beisammen.
Nun fing der fremde Mann an zu bohren. Aber einige Ellen tief traf er auf Sandstein, und die Bauern empfanden so etwas wie Enttäuschung. Der Fremde aber meinte, dies sei recht und gut, denn er habe gerade unter so weichem Gestein schon die reichsten Silberadern gefunden; und er bohrte fröhlich weiter. Die Arbeit ging langsam von statten, und die Geldgeber wollten schon allmählich verzweifeln, da berührte der Bohrer wieder Sand, und die bereits gelästerten Prophezeihungen des Schatzgräbers gingen mit neuer Hoffnung und unter ehrfürchtigem Nicken von Mund zu Mund.