Die so unsanft Angeredeten erwiderten nichts, aber sie vermieden es, daß ihre Augen seinem Blick begegneten. Qualvoll verstrich eine Sekunde eisigen Schweigens, das angesichts der dichtgedrängten Menschen unnatürlich erschien und das die deutlich auf das Gesicht des Mannes am Hoftor geschriebene Angst bis zur Unerträglichkeit steigerte. Da faßte einen aus der Menge das Erbarmen mit dem Gefolterten und er rief ihm zu:

»Freihofer, bereitet Euch auf Entsetzliches vor; es ist ein Unglück geschehen!«

Diese wohlgemeinten Worte riefen eine unerwartete Wirkung hervor: aus der tödlichen Angst des Bemitleideten schlugen die Flammen blinder Wut, und er schrie:

»Daß Du ersticken mögest an Deinem Unkenruf. Mit solchen Worten schreckt man Memmen. Ich sage Euch, es spukt nur in Euern Köpfen, sonst ist es nichts!«

Eine neue Pause, angefüllt mit demselben entsetzlichen Schweigen von vorhin schien wieder einzutreten. Wer vermochte es, diesen Mann daran zu hindern, daß er, wie es ihm ein verzehrendes Angstgefühl gebot, sich gegen die Kenntnis eines furchtbaren Geschehnisses sträubte, obgleich er dessen Wahrheit ahnte.

Da kam Bewegung in den Kreis. Zwei Arme teilten die Menge, und ein Mann trat aus ihr heraus und stellte sich dem jungen Bauern gegenüber, – es war Pastor Reinerz, angetan mit langschößigen Bauernrock.

Max empfand in diesem Augenblick das Nähertreten dieses Mannes wie das eines Gegners. Die aller Fesseln befreiten, wild mit einander ringenden Leidenschaften rissen sich um die Herrschaft über ihn, und je nachdem, ob es der dem Wahnsinn zutreibenden Angst oder der schäumend machenden Wut gelang, zu siegen, konnte der Unglückliche sich auf den Greis stürzen, oder im nächsten Augenblick unter dem zermalmenden Drucke des Jammers zusammenbrechen.

Doch alsbald sollte der Kampf im Innern des Freihofers entschieden sein; Pastor Reinerz begann zu sprechen, und bei seinen Worten glätteten sich die aufgepeitschten Wogen. Der Feuerstrom des Zorns, der seine Ufer schon überflutet hatte, schäumte jetzt wieder in sein Bett zurück und ließ die Angst, die unaussprechliche Angst anwachsen, daß der Freihofer wähnte, um Brust und Hals legten sich ihm Eisenklammern.

»Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen,« begann Pastor Reinerz, »bestimmt auch den Lauf der Menschengeschicke, und wir sollen nicht mit ihm hadern, wenn sein unerforschlicher Wille uns von der Höhe irdischen Glücks hinab in die Tiefen des Schmerzes und der Verzweiflung stürzt. Denn der Mensch ist aus des Meisters Hand hervorgegangen, und sein winziger Geist begreift nicht den Geist seines Schöpfers. Wir stehen erschüttert vor diesem entsetzlichen Schlag, der uns alle getroffen hat. Aber es gebührt uns nicht, uns aufzulehnen; neigen wir in Demut das Haupt und vertrauen wir unverändert auf die Liebe des himmlischen Vaters. Was der ewige Gott, unbegreiflich für uns Menschen, diesmal zu sich berufen hat, ist ein blühendes, junges Leben – – –«

Der Freihofer hatte bisher mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft eine ihn zu übermannen drohende Schwächeanwandlung bekämpft, bei diesen Worten aber brach seine Beherrschung jäh zusammen. Er grub die Zähne in die Unterlippe, daß das Blut erschien und taumelte gegen das Hoftor.