»Meine Seele ist noch aufs tiefste erschüttert,« fuhr Pastor Reinerz fort, »denn gerade ich mußte Zeuge des Verbrechens sein, denn einem schändlichen Verbrechen, Freihofer, ist Euer Weib zum Opfer gefallen.«
Max machte eine zuckende Bewegung, aber es war, als ob der Schlag, der gegen ihn geführt worden war, ihm die Kraft, zu verzweifeln, gelähmt habe.
Da wandte sich Pastor Reinerz von dem bis ins innerste Mark Getroffenen ab und sprach zu der Menge:
»Hört mich an, Leute, denn Ihr kennt den Hergang nur flüchtig. Die milden Strahlen der Sonne bewogen mich, nachdem ich von der Kirche heimgekehrt war, einen lang entbehrten Spaziergang in die freie Natur zu machen. Einsam ging ich über die herbstlichen Felder, derweilen Ihr im Gasthof versammelt wart und sog mit tiefen Zügen die erwärmte Luft ein. Kein Laut störte die sonntägliche Stille. Da wurde ich plötzlich aus meinen Gedanken wachgerüttelt. In geraumer Entfernung von mir sah ich in dem hohen Grase etwas Weißes bald aufleuchten und bald wieder verschwinden. Ich strengte meine Augen an und erkannte in der weiblichen Gestalt Maria, die kaum vor einer Stunde von mir angetraute Gattin des Bauern vom Freihofe. Zeitweilig sich niederbückend, schlenderte sie umher, um die letzten Feldblumen zu einem Strauße zu sammeln. Schon wollte ich meine Schritte zu ihr hinlenken, da fiel mein Blick auf einen zweiten Menschen, – und das Blut stockte mir in den Adern! Vom Schwedenloche herabkommend, wo ein paar Reiter in der Nähe ihrer grasenden Pferde weilten, nahte sich ein hochgewachsener französischer Offizier, das junge Weib von hinten her beschleichend. Ich biete meine ganze Stimme auf und rufe: Maria! ohne daß sie meine Warnung hörte. Ein zweites, ein drittes Mal klingt mein Ruf, da hatte sie mich vernommen. Sich umschauend, fällt ihr Blick auf den Mann, der sich ihr bis auf wenige Schritte genähert hat. Sie erschrickt, wendet sich um und enteilt flüchtigen Fußes der schon drohenden Berührung des Elenden. Aber die Flucht nach dem Dorfe ist ihr verlegt. Wie ein gehetztes Wild fliegt sie nach der andern Seite, – da schneidet ihr der Verfolger, der sich im raschen Laufe seinem Opfer nähert, den Weg ab. In demselben Augenblick, in dem die Verzweifelte die Unmöglichkeit eines Entrinnens erkennt, stürzt sie nach dem nahen Schwedenloch, um durch einen Sprung von dessen Rand sich vor dem Schlimmsten zu bewahren, – da treten ihr die Soldaten entgegen. Und als die Gehetzte die Schnelligkeit ihres Laufs unwillkürlich etwas verringert, um so vielleicht doch einen rettenden Ausweg zu erspähen, da packt sie die rohe Faust des Entmenschten am Handgelenk. Ein verzweifelter Aufschrei, – dann entschwanden die Ringenden, zu Boden fallend, meinen Augen, und nur das hohe Riedgras bewegte leise die Spitzen.
Eine verspätete Lerche flog auf und trug in weiten Kreisen ihren Sang der Sonne entgegen.
Mich alten Mann aber überfällt ein wahnsinniges Entsetzen und ich eile, so schnell mich die Füße tragen wollen, vorwärts. Doch bald zwingt mich einer der Soldaten stehen zu bleiben, und wie ich dennoch weiterdränge, wirft mich ein Kolbenstoß vor die Brust besinnungslos nieder.
Als ich aus meiner kurzen Ohnmacht erwachte, sah ich Maria aufrecht stehen. Zu ihrer Seite befand sich der Franzose, dessen Bestialität noch einmal aufzublitzen schien, denn er legte die Arme um das Mädchen und versuchte, es zu küssen. In dem Augenblick aber, in dem sein Mund sich ihrem Gesichte näherte, grub sie die Zähne in den Hals des Lüsternen, daß dieser das Weib mit einem wilden Fluche freiließ und nach der blutenden Stelle tastete. Wohl tut einer der Elenden, die entfernt standen, einen Schritt nach dem ruhig dahinschreitenden Weibe, wie die Hyäne, die darnach lechzt, was der gesättigte Blutdurst des Tigers verschmäht. Aber ein königlicher Blick scheucht ihn zurück, und bald stand Maria am Rande des Steinbruchs. Ein paar Sekunden verharrte sie unbeweglich, das Haupt auf die ineinander gelegten Hände gebeugt. Dann wandte sie noch einmal den Blick und ließ das Auge über die Fluren schweifen, hinüber nach dem Dorfe. Ich sprang auf und winkte und rief. Sie erkannte mich, nickte mir zu, nahm den Strauß aus den Falten des Busens, führte ihn noch einmal zum Munde und legte ihn nieder, und dann –,« hier schwieg der Greis.
Die Männer hatten während seiner Erzählung wiederholt laute Verwünschungen ausgestoßen, und manche Faust hatte sich unwillkürlich geballt.
Pastor Reinerz aber fuhr fort:
»Die Soldaten gaben mir jetzt den Weg frei, und ich lief nach der Stelle, an der ich Maria zum letzten Male gesehen hatte. Als ich erschöpft dort ankam, bot sich meinem Blicke nichts weiter von ihr, als die Blumen. Ich beugte mich über den Abgrund, der gerade dort am steilsten abfällt und gewahrte, etwa dreißig Ellen unter mir, dort, wo der große Trichter in den Schacht ausläuft, an einem niedrigen, verkrüppelten Baumstamm einen menschlichen Körper hängen. Voll Freude und Schrecken zugleich, daß der schwache Stumpf der Last nachgeben könne, schaute ich mich nach einem Helfer um. Da bemerkte ich schon einen Mann, der wie von ungefähr über die Felder schritt. Ich schrie und machte verzweifelte Bewegungen. Im eiligen Laufe kam er heran, und während ich ihn mit fliegenden Worten unterrichtete, schaute er hinab. Bange Sekunden verstrichen; endlich rief er: Ich wags! Rasch streifte er die Schuhe von den Füßen und dann stieg der Verwegene hinunter.