Ich wußte es, daß er den Zorn des Himmels herausforderte, denn es war ein Frevel, den Versuch zu unternehmen; ich erkannte das Unsinnige seiner Tat, denn der Einsatz galt nicht einem Menschenleben, sondern es war das aussichtslose Spiel mit einem Leben um einen Leichnam, – und doch ließ ich es zu!

Der Weg, den der Tollkühne zurückzulegen hatte, ist Euch vom Schauen her bekannt; es hat bisher noch keiner versucht, ihn zu betreten. Hände und Füße gebrauchend, klomm er langsam hinunter, jeden Vorsprung weise benutzend, und wo ein solcher nicht vorhanden war, das Fleisch der Finger und Zehen in die Ritzen der Steinwand pressend. Ein Ausgleiten weihte ihn rettungslos dem entsetzlichen Tode des Absturzes. Langausgestreckt am Rande liegend, schaute ich dem immer tiefer Gelangenden nach, während kalter Schweiß mir auf die Stirn trat und mein Herz in lauten Schlägen arbeitete. Mehr als einmal strauchelte er, mehr als einmal löste sich ein Stein von der Wand, den er sich als Halt erkoren hatte, unter seinen Füßen, so daß es unabwendbar schien, daß der Retter in die Tiefe stürze. Dann fiel mein Auge wieder auf den schwachen Stamm, der sich unter der Last soweit bog, daß er jeden Augenblick brechen konnte. Mir wollte das Herz stille stehn bei dem Gedanken, daß das Rettungswerk umsonst versucht worden sei.

Endlich, nach Minuten furchtbarer Qual, langte der Mann am Ziele an. Vorsichtig näherte er sich der Stelle, schlang den linken Arm um den leblosen Körper und trat nun, nur die Rechte noch benutzend, mit seiner schweren Bürde den Aufstieg an. Ach, und wie viel schwieriger gestaltete sich dieser als der Abstieg! Durch Gestrüpp, das aus der Felswand drängt, und über Geröll bahnte er sich den Weg. Ich verlor fast die Sinne und mußte die Augen schließen, denn die Bilder meiner Phantasie waren gräßlich. Da erscheint nach todesbangem Harren ein Kopf über dem Rande, das Haar wirr, und das Gesicht entstellt vor Anstrengung und Erregung. Ich fasse die Schultern, um ihn heraufzuziehen. Doch was frommte die schwache Kraft eines mit der Ohnmacht kämpfenden Greises! Schon schien es, als wenn Leben und Tod in gemeinsamer Umarmung im letzten Augenblick des Rettungswerks und schon fast in sicherer Hut, mit einander in die begehrliche Tiefe hinabstürzen müßten. Da machte der Keuchende eine letzte, verzweifelte Anstrengung, und es gelang unsern vereinten Bemühungen, daß er sich auf den Rand schob und damit in Sicherheit brachte.

Eine geraume Zeit ruhten dann beide Körper so nebeneinander, daß man nicht angeben konnte, welcher von beiden noch Leben barg, und es hatte den Anschein, als ob der genasführte Tod seine ihm schon sicher erschienene Beute in schäumender Wut noch jetzt an sich reißen wolle. Bleich lag der Wackere auf dem Rasen; Gesicht, Hände und Füße hatten ihm das scharfe Gestein und das Dornengestrüpp blutig gerissen. Endlich kehrten seine Lebensgeister wieder zurück. Er wischte sich erschöpft Schweiß und Blut vom Gesicht und taumelte davon.«

Hier machte der Sprecher eine lange Pause. Dann hob er wieder an:

»Ja, Max von Tiefenbach, Dein Weib ist tot, aber unvergänglich ist die Schrift, womit ihr Andenken uns allen in das Herz eingegraben ist. Vereinen wir uns in christlicher Liebe, und rechten wir nicht mit der Unglücklichen wegen des Schrittes, den sie tat. Denn an der Schwelle des Todes machen die Vorwürfe Halt und was die Verblichene darüber hinwegbegleitet, sind Wehmut und herzinniges Mitleid!«

Max stand zusammengesunken mit dem Rücken an das Tor gelehnt, beide Hände gegen dieses gestützt. Sein Kopf war herabgefallen, und das Gesicht war fahl.

Den Blick auf dem Boden ruhen lassend, keuchte er jetzt:

»Ihr habt eins vergessen, Pastor, nennt den Namen jenes Mannes, den Ihr bisher verschwiegt.«

»Den Namen dieses Edeln soll keiner erfahren! Seine Worte, bevor er ging, lauteten: wenn ich einen Lohn für meine Tat fordern darf, so bestehe er darin, daß man verschweige, wer dieses tote Weib seinem Gatten wiedergegeben hat! Ihr werdet deshalb begreifen, – –«