Und als nach Jahren brausender Gährung der einstmalige Tummelplatz hoher Ideen und doch gleichzeitig engherziger Empfindungen ihm für sein Riesenwerk hinreichend bestellt erschien, da schweißte der Titan mit weit über Europas Grenzen hinaus hallenden Hammerschlägen das zerstückelte Deutschland zusammen. Hinter dem schwärzlich sich ballenden Rauche der dröhnenden Kanonen stieg die schimmernde Morgenröte des neuen deutschen Reiches verheißungsvoll empor, und in das Wimmern und Ächzen der Verwundeten, in das Seufzen und Beten der Sterbenden mischten sich Posaunentöne, feierlicher Glockenklang und der stürmische Jubel der Ueberlebenden, denn Deutschland hatte, ja es hatte wieder – einen Kaiser! Zweimal führte der Erzfeind im Schilde, Deutschland zu zersplittern und zu vernichten, und zweimal ging es siegreich und schließlich geeint und in seinen höchsten Idealen erstarkt aus dem aufgezwungenen Kampfe hervor. Wie später auf Frankreichs Boden, gingen damals auf dem grünen Plane vor Sachsens alter Lindenstadt Tausende deutscher Männer und Jünglinge freudig in den Tod. Sie starben, um kommenden Geschlechtern die Freiheit und Unabhängigkeit des Heimatbodens zu sichern.

Heil, dreimal Heil, dir mein deutsches Vaterland, zu solchen Heldensöhnen! –

Da sprang der Rabensteiner auf. Sein Gesicht war mit hellem Rot übergossen, und sein Auge glühte in edlem Feuer:

»Was steht Ihr noch länger müßig? Hebt den Leichnam auf, tragt ihn hinab ins Trauerhaus und tröstet die tiefgebeugte Mutter. Dann aber eilet von Hof zu Hof, von Haus zu Haus und fordert die Männer, die Frauen und Kinder auf zur Totenschau, auf daß mit Tränen der Wehmut und des Stolzes reichlich genetzt werde der gemeinsame Hügel, unter dem zwei Helden schlummern, die für ihre Ehre und die deutsche Freiheit in den Tod gingen.«

Dann stellte er sich vor die Männer:

»Euerm Führer war es als Ersten vergönnt, für die heilige Sache sein Herzblut dahinzugeben. Wohlan, Freunde,« fügte er frohlockend hinzu, »so laßt es nun mich sein, der Euch den Weg weist, zu den siegenden Fahnen der deutschen Brüder!«

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst wurde die teilweise uneinheitliche Schreibweise, insbesonde der großen Umlaute, wie im Original beibehalten.

Korrekturen:

S. 231: bekommenen → beklommenen
ohne den [beklommenen] Eindruck der Seele