Schon von weitem winkte und rief er. Hastig sprang er vom Pferde und fragte die schweigend Herumstehenden mit lauten Worten nach der Ursache des Schusses, den er schon in weiter Ferne vernommen hatte. Mit fliegendem Atem wurde er unterrichtet. Da fielen seine Augen auf den wie in friedlicher Ruhe schlummernden Freund. Ein einziger Blick, und er hatte alles verstanden. In heftigem Schmerze griff er mit beiden Händen nach der Stirn und blieb eine Sekunde lang mit verhülltem Antlitz stehen. Dann eilte er zu dem Liegenden, faßte ihn an der Schulter und rüttelte sie und schrie dem Ohnmächtigen ins Ohr:

»Vernimm erst noch, was ich Dir sage, mein Freund, es mag Dir eine erquickende Zehrung auf die Reise sein!«

Der Angerufene schlug langsam die Augen auf und sah den Freund verständnisvoll an.

»Die Sache steht gut,« rief Konrad ihm zu, »heute oder morgen werden die deutschen Hörner beim Blasen der Siegesfanfaren zerspringen. Der Blücher haut die Franzosen in Fetzen. Hörst Du’s, Max, der Blücher! Und in den sächsischen Regimentern ist ein Tumult ausgebrochen. Sie wollen nicht mehr für den Kaiser fechten, sondern zu den Preußen übergehen!«

Da erstrahlten die schon brechenden Augen noch einmal in sonnigem Leuchten, und der Sterbende nahm die rasch entfliehenden Kräfte zusammen und sprach mit leiser, vernehmbarer Stimme:

»Der Freihof gehört dem Hermann, und – sagt’s der Mutter, – der Schimpf ist getilgt!«

Dann fiel der während der letzten Worte mühsam gehobene Kopf wieder in Mutter Lehnhardts Schoß zurück, und ein tiefer Seufzer entrang sich den bleichen Lippen. Konrad ließ sich neben dem Freunde auf das Knie nieder und drückte ihm leise die Augen zu, während die Umstehenden in tiefer Ergriffenheit die Blicke zu Boden schlugen.

***

Vorwärts, soweit das Auge reichte, dehnte sich die weite Ebene von Leipzig aus. Obwohl die Erde von dem Flammenkuß des leuchtenden Tagesgestirns eben erst erwacht war, stiegen pyramidengleich schon durchsichtige Staubwolken zum Himmel empor, deren düsteres Grau, durchglänzt von dem leuchtenden Gold der Sonnenstrahlen, sich mit der tiefblauen Färbung des Äthers vermählte. Das waren die ersten Anzeichen, daß der Aufmarsch der Regimenter von Freund und Feind zur Schlacht nach dem gestrigen Tage der Ruhe begonnen hatte. Als wenn ein ungeheures Wesen seine tausendfach gegliederten, tausend Arme zu gleicher Zeit rege. Zum letzten Male rauschte der Vorhang des großen Schlachtentheaters in die Höhe, – morgen fiel er, und hinter ihm sank einer der gewaltigsten Abschnitte deutscher Geschichte hinab in das Meer der Weltgeschichte! Die eisernen Würfel rollten um alles über die zerstampften, blutgetränkten Gefilde Leipzigs und warfen für Deutschland achtzehn Augen. Einer der Großen der Erde wurde von dem wandelbaren Geschick, nachdem es den beispiellosen, sieghaften Aufflug seines Genies lange Zeit wunderbar behütet hatte, in diesen Tagen verlassen.

Aber selbst sein Volk vermag ihm bei dem Heraufsteigen seiner Manen nur Bewunderung gemischt mit Grausen zu zollen; eine höhere Empfindung kann das menschliche Herz für ihn nicht bewegen. Sein Lebensschiff trieb auf einer Woge von Blut und bittern Tränen. Denn er war ein Zerstörender, Niederreißender. Der aber, dessen Lebensfaden Klotho kaum zwei Jahre darauf zu spinnen begann, und dessen Genius später in Deutschland wie ein leuchtendes Phänomen langsam emporstieg, bis es, wie einst jenes, über die ganze Erde hinweg gesehen ward, dieser Große war ein Aufbauender, Schaffender! Anfangs alle bis auf seinen König zum Gegner, schlug die Stimmung infolge seines weitschauenden Wirkens und seiner kühnen und von glänzendem Gelingen gekrönten Taten allmählich um, und aus den heftigsten seiner Widersacher von einst wurden unwandelbare Verehrer seines Kurses. Aus einem Wirrwarr sich heftig befehdender Kräfte erstarkte unter seinem Einfluß ein bewußtes Streben nach nationalen Hochzielen, und der nie ganz ausgeklungene, märchenschöne Traum trat endlich in plastischer Schärfe wieder vor die Seele des ungestüm seine Verwirklichung fordernden deutschen Volkes: der große, der gewaltige, – der Kaisergedanke!