Erschrocken sprangen die Freunde hinzu, richteten den Gefallenen auf und entblößten seine Brust. Ein kleines, kreisrundes Loch wurde auf der Haut sichtbar, gerade auf der Stelle des Herzens. Da legten sie ihn, ohne ein Wort zu sprechen, behutsam auf dem Rücken in das Gras, und jeder vermied es, dem andern ins Gesicht zu sehen.
Durch den Lärm waren die Leute in den nächstliegenden Häusern längst erwacht, bei dem Knall des Schusses aber eilten einige voll Unruhe herbei. Unter diesen befand sich auch Mutter Lehnhardt. Bestürzt betrachteten die Ankommenden den am Boden Liegenden und traten dann wortlos zur Seite. Die Greisin aber setzte sich neben dem Verwundeten nieder und zog seinen Kopf auf ihren Schoß.
Im Osten hatte sich unterdessen der Himmel blutigrot gefärbt, und die ersten Sonnenstrahlen waren über die noch schlummernde Erde geglitten. Jetzt ward auch der glühende Ball am Himmelsrande sichtbar, der rasch heraufwuchs und sein flutendes Licht auf die Fluren ergoß. Der Nebel zerriß, und die weite Landschaft wurde erkennbar. Der junge Tag brach an mit seiner ganzen, sieghaften Schönheit, und alles erwachte zu neuem Leben. Nur der Mann auf dem Rasen machte seine letzte Rechnung auf Erden!
Noch einmal schweifte sein Blick in die Weite.
Drüben stand in goldigem Glanze das Schloß seiner Väter. Aber seine trutzigen Mauern waren zerfallen, und kein verjüngender Sonnenaufgang gab ihm seine Festigkeit wieder. Nur ein kleiner Teil, die vorspringende Mitte, stand noch, und die weißen Quader leuchteten wie einst über das Land. Aber ach, wie lange würde es dauern, dann stürzten auch die letzten Mauern zusammen, und ein wüster Trümmerhaufen bezeichnete die Stätte, auf der einst in Pracht und scheinbarer Unvergänglichkeit auf felsigem Grunde ein stolzes Menschenwerk gestanden hatte.
Jahrhunderte hatte der Bau ins Land ziehen sehen. Lieblicher Sonnenschein hatte ihn unzähligemale umschmeichelt, brausende Naturgewalten drohend umbrandet. Zeiten segensreichen Friedens waren an ihm vorübergegangen, und auf wildes Kriegsgetümmel und ohnmächtige Wut seiner Angreifer hatte der steinerne Koloß mit stummer Verachtung herabgesehen. Nun war auch seine Zeit abgelaufen, und der vorgeschrittene Verfall führte die eindringliche Sprache, daß auf Erden alles vergänglich ist! Nach einer Reihe von Jahren, früher oder später, aber einmal doch, werden auch die letzten, stummen Zeugen entschwundener Pracht und menschlichen Fleißes nicht mehr sein. Die noch nicht zertrümmerten Steine werden Häuser bauen helfen, in denen Menschenfreud und Menschenleid geboren wird, lacht und weint und stirbt, und die geborstenen Säulen und Quader zerfallen endlich in Staub und vermischen sich wieder mit der Erde, von der sie gekommen sind, und deren mütterlicher Umarmung sie sich nur zu lange entzogen hatten. Dann geht die Pflugschar wieder über das Land und wirft die köstlich duftende Ackerkrume auf, und saurer Schweiß tränkt den Boden. Bis endlich auf dem Rasen Spiel und Sang anheben, und die Halme sich biegen unter den Füßen der Tanzenden. So in stetem Auf- und Niedergang, Geburt, Hinaufeilen auf den Gipfelpunkt des Lebens, mühsames Hinabklimmen oder Hinabsturz – und Tod: das ist das wechselvolle, geheimnisumwobene Spiel des Werdens und Vergehens alles Irdischen, das sind die urewig gleichen Menschenschicksale! Eine zermalmende Traurigkeit beschleicht bei dieser Betrachtung das Gemüt, gegen die menschlicher Witz sich vergebens sträubt und menschliche Kraft ohnmächtig ankämpft. In diesem Leid tröstet und erquickt allein der aus starkem Herzen quellende Glaube an die Barmherzigkeit und Ewigkeit der Himmel!
Und dann gedachte der junge Tiefenbach seines Geschlechts. In langen Reihen standen in sturmfesten Kellergewölben des Schlosses die Särge seiner Ahnen. Viele von ihnen waren wohl mit dem Schwerte in der Faust gestorben und schlummerten in unbekannter Erde. Er war der letzte Sproß. Jung war er und kraftvoll, und doch rüstete er sich schon zur Wanderung nach jenem unbekannten Land, aus dem niemand wiederkehrt. Nun stand der Name Tiefenbach nur noch auf zwei alten, müden Augen – – –
Aber er ging gern von hinnen, denn er ging nach einem gewonnenen Streit gegen den Feind des Landes und den Beflecker seiner Ehre. Das ist für Menschen, die beim Heimgange eines Teuern großen Schmerz erlitten, das Köstliche, daß sie in jenen unbekannten Gefilden von einer ihrer harrenden, liebenden Seele an die Hand genommen werden.
So mußte er denn früher scheiden als er gedacht; aber noch waren es ihrer zwölf, die die Reihen der für die Freiheit Kämpfenden verstärkten. Und bei diesem tröstenden Gedanken trat wieder das glückliche Lächeln auf die Züge des schwer Atmenden, und eine neue Ohnmacht umfing seine Sinne.
Jetzt tauchte auch der galoppierende Reiter vor einer Biegung der Straße auf und näherte sich rasch der Gruppe. Es war Konrad Hartmann.