»Komm herab, deutsches Schwein, wenn Du den Mut hast mit mir zu kämpfen!«
Max stand noch wie vorher unbeweglich. Bei diesen Worten aber kam wieder Leben in ihn. Seine umklammernde Rechte ließ den Wagenbaum los, daß dieser dumpf aufschlagend und mit Kettengeklirr zu Boden fiel, und dann sprang er mit beiden Füßen zugleich von der Böschung hinab. Der lange Jahre in der Scheide gebliebene Säbel seines Großvaters blitzte gerade noch rechtzeitig auf, um den ersten Hieb des Franzosen abzuwehren, der mit fürchterlicher Erbitterung auf ihn eindrang. Hageldicht sausten die Schläge des kampfgeübten Soldaten herab, daß Max seine ganze Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit aufbieten mußte, um sich ihrer zu erwehren. Nach wenigen Gängen zeigte sich aber schon der Vorteil der überlegenen Kaltblütigkeit, mit der er focht, und der Franzose war einige Male nahe daran, seine hitzige Kampfesweise zu büßen. In respektvoller Entfernung standen die beiden Parteien dahinter und sahen auf ihre kämpfenden Führer, deren Klingen ohne Unterbrechung aufzuckten.
Da klang durch den hellen Erzklang der aufeinanderschlagenden Säbel ein Mißton. Man vernahm, wie etwas durch die Luft flatterte und dann klirrend niederfiel. Der Franzose erhob sich ein Stück aus seiner weit ausgelegten Haltung, warf einen raschen Blick voll Ingrimm auf den stehengebliebenen Stumpf seines Säbels und hob in demselben Augenblick instinktiv wieder die zerbrochene Waffe, als wenn er damit den unvermeidlichen Todesstreich abwehren könne. Mit hochgeschwungener Klinge holte Max zum furchtbaren Schlage aus. Unwillkürlich duckte sich der Wehrlose nieder, – da klirrte, von seines Gegners Hand geschleudert, dessen Säbel neben ihm zur Erde, und als der Franzose die Augen hob, stand ihm dieser mit herabgesunkenem Arme und ohne Waffe gegenüber.
Verständnislos starrte er dem Gegner ins Gesicht, den nur eine unerklärliche Anwandlung von Großmut zu dieser Tat bewogen haben konnte. Aber nur während der kurzen Spanne Zeit, die zwischen zwei Pulsschlägen liegt, blieb ihm dieser Trost. Dann bemerkte der Franzose, wie die Augen des andern blitzschnell die nur wenige Schritte betragende Entfernung maßen, die zwischen ihnen und dem Rande des ihm seit gestern bekannten Abgrundes lag. Er dachte daran, wer dieser Mann ihm gegenüber war, der seine unnatürliche Ruhe in diesem Augenblick bewahrte, – und alles Blut wich aus seinem Gesicht. Sollte er jetzt seinen Leuten das Zeichen zum Angriff geben? – – – Nein, in Dreiteufelsnamen nein! Dann wäre auf die eisigen Züge dieses Verhaßten ein höhnisches Lächeln getreten, das ihn der Feigheit geziehen hätte. Deshalb scheuchte er auch mit einem wilden Fluche einen seiner Leute zurück, der herbeigesprungen war und ihm seinen eigenen Säbel darbot.
Max hatte den Blick wieder auf den Gegner gerichtet und alsbald erkannt, daß dieser seinen blitzschnell gefaßten Plan erraten hatte. Eine Sekunde lang standen sie sich einander gegenüber; dann begann das gräßliche Ringen, – es war der Kampf zweier Riesen! Der Körper des Franzosen war kraftvoll und wie aus Stahl geschmiedet, dazu war er sehnig und geschmeidig wie ein Leopard; der Deutsche war fast ebenso hoch gewachsen, aber seine Schultern waren breiter, und er glich einem verwundeten Bären, der sich zum Angriff aufgerichtet hat.
Max hatte schon während des Fechtens eine an sich noch nie gekannte Ruhe gespürt, jetzt aber fühlte er seine Kaltblütigkeit noch verstärkt. Sein Hirn arbeitete in ruhigem Gleichmaß, als wenn er daheim auf dem Hofe stünde und das Herauslassen des Viehes aus den Ställen zum Austrieb auf die Weide leite. Und doch hatte er die tiefe Empfindung, als ob dieser Kampf sein Leben fordern müsse – – Da griffen beide nach einander, der Franzose mit dem blitzartigen Prankenschlag des Raubtieres, Max dagegen faßte tastend nach den Ellenbogen des Gegners.
Von neuem stockte während einer Sekunde alle Bewegung, als wenn die Männer sich wie im Spiel berührt hätten. – Da, – ein fürchterlicher Ruck! Max versuchte, sich vor dem Fall zu bewahren, umsonst; dröhnend stürzte er zu Boden und riß seinen festumklammerten Gegner mit sich nieder. Mit einer schnellen Bewegung gelang es ihm, den Franzosen unter sich zu bekommen, aber schon rollten sie wieder über den Rasen und hielten sich im nächsten Augenblick, auf die Knie erhoben, umschlungen. Da spannte der junge Bauer seine ganze Kraft an und drückte den sich heftig sträubenden Franzosen so hintenüber, daß es den Anschein hatte, als wenn dessen Wirbelsäule davon zerbrechen müsse. Langsam fiel der Franzose auf den Rücken, – um den auf ihn Stürzenden aber sofort wieder zu entgleiten. So rangen sie während mehrerer Sekunden in unverminderter Erbitterung. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze entzog sich der Franzose allen ihn zu erdrücken drohenden Umarmungen, und vermöge seiner blitzschnellen Bewegungen gelang es ihm, wiederholt die Oberhand über seinen Gegner zu bekommen. Und während dieses Ringens rollten sie die feuchte Rasenlehne ein Stück hinab, daß ein paar französische Soldaten sich zwischen den Ringenden und den Rand des Steinbruches aufstellten, um sie vor dem Hinunterstürzen zu bewahren.
Noch einmal wildes Schlagen des Rasens mit den Füßen, ein Zubodendrücken mit umklammernden Armen, Entweichen, Aufrichten und Niederstürzen, – dann sprang einer von ihnen auf die Füße: es war der Deutsche. Im nächsten Augenblick mußte auch der Franzose aufschnellen; aber es gelang ihm nicht mehr. Zwei Hände hielten den wild um sich Schlagenden mit eisernem Griffe fest, um ihn gleich darauf mit einer furchtbaren Kraftanstrengung in die Höhe zu reißen. Alle Muskeln bis zum zerspringen angespannt, hielt der Freihofer den Körper seines Feindes über seinem Haupte, währenddessen es aussah, als ob er unter der ungeheuern Last und infolge des überschnellen Aufrichtens hintenüberbrechen müsse. Aber nur einen Augenblick währte diese Spannung, dann hatte er die Herrschaft über seinen Körper wiedergewonnen. Mit übermenschlicher Kraft stieß er den Franzosen von sich, der, über die Köpfe seiner Leute hinwegfliegend, hinter dem Rande des Steinbruches lautlos verschwand. Ein dumpfes Aufschlagen drang herauf, ein Geräusch, wie von dem Rutschen eines schweren, weichen Gegenstandes auf dem Gestein, dann war alles still. Den Lauschenden aber stockte der Atem unter der blitzschnell sich ihnen aufdrängenden Vorstellung, daß der ihren Augen soeben Entschwundene ins Bodenlose stürze.
Noch hielt das Fürchterliche alle gelähmt, als von fernher der Hufschlag eines auf der Straße herangaloppierenden Pferdes erklang. Und mit diesem Laute kehrte Aller Besonnenheit in die Wirklichkeit zurück. Ihres Führers plötzlich beraubt, von dem Schrecken noch halb betäubt und durch das Nahen des vermutlichen Feindes kopflos gemacht, eilten die Franzosen zu den Pferden und sprengten querfeldein in den Nebel hinein. Der letzte von ihnen, ein junger Bursche, dem kaum der erste Flaum auf den Lippen sproß, hob rasch, bevor er davoneilte, die Mündung seines Gewehres und schoß ohne zu zielen aufs Geratewohl ab. Ein dumpfer Knall, ein schwacher Feuerstrom, wie von verdorbenem Pulver herrührend, dann wandte auch er sich zur Flucht. Beim Aufblitzen des Schusses griff der Freihofer hastig nach der Brust, während sich auf seine Augen gleichzeitig undurchdringliche Dunkelheit senkte. Aus der ihn umgebenden Nacht aber trat ein liebliches Bild vor seine Seele:
Er stand an einem reißenden Fluß. Das Ufer, auf dem er sich befand, glich einem unfruchtbaren Ödeland, drüben aber breitete sich ein prächtiger Garten aus mit maienfrischem Rasen und herrlichen Blumen. Ueber den Fluß führte eine Brücke, an deren Ende auf dem jenseitigen Ufer Maria stand, die ihm winkte und jubelte und rief. Da trat ein seliges Lächeln auf das Antlitz des Freihofers; er breitete die Arme aus und fiel langsam vornüber auf den Rasen.