Die Franzosen waren in der Uebermacht, aber sie standen auf dem abfallenden Boden, neben dem die Straße wie ein natürlicher Wall hinlief. Dieser Umstand verstärkte die eigene Stellung. Mochten sie es versuchen, den Rand zu erklimmen, manch einem würde bei diesem Unternehmen der von nervigen Bauernfäusten geschwungene Kolben den Schädel einschlagen!
Noch standen Freund und Feind tatlos; da sprang der Freihofer auf einen über Nacht draußen stehengebliebenen, hohen Aufsatzwagen zu und rannte ihn mit solcher Kraft auf einen mächtigen Eichbaum, daß die Deichsel krachend zersplitterte. Noch ein Ruck, dann zerriß das die Deichsel umringelnde, eiserne Band, und die Kette mit dem oberen Ende um das Handgelenk schlingend, hielt er den Stumpf wie eine schwere Keule, die in seiner mächtigen Faust eine furchtbare Waffe sein mußte.
»Heran!« knirschte er, von grenzenloser Wut gepackt, »und sorgt, daß Euch das letzte Stündlein nicht zu kurz sei für Euer kleinstes Stoßgebet!«
Dies hatte sich blitzschnell abgespielt und ohne daß die Franzosen gewagt hätten, sich auf ihn zu stürzen. Da erscholl die rauhe Stimme von vorhin wieder:
»Schlagt mir keiner diesen tollen Hund tot, lebendig soll er am Aste baumeln.«
Und gleichzeitig trat der Sprecher, ein Offizier von riesenhaftem Wuchse, ein paar Schritte weiter vor und hob den Säbel, um das Zeichen zum Angriff zu geben. In diesem Augenblick schrie der ihm zunächst stehende Schmied schrill auf:
»Freihofer, das ist der Mörder Deines Weibes!«
Wie eine vernichtende Anklage, die einem furchtbaren Gericht vorausgeht, erklangen diese Worte und warfen in die Seele vieler der Anwesenden jäh das Verständnis für ihren Sinn. Das farblose Gesicht mit dem brutalen Ausdruck des französischen Anführers wurde um einen Schein bleicher; langsam sank der erhobene Säbel herab, und das Kommando zum Angriff erstarb ihm auf der Zunge. Starr ließ er seine schwarzen, stechenden Augen auf den gerichtet, den er instinktiv als seinen Todfeind empfand.
Der Freihofer aber stand wie ein Steinbild auf seinem Platze. In seinem Gesicht spielte kein Muskel. Der Kopf war weit vorwärts geneigt, wie bei Menschen, die mit Anstrengung aller Sinne ins Weite sehen. Mit rasender Geschwindigkeit traten Reinerzens gestrige Worte, mit denen er jenen Elenden beschrieb, jetzt wieder an seinen Geist heran. Die Beschreibung stimmte just mit der Erscheinung dieses Franzosen überein, – aber war es kein Irrtum? Sollte ihm sein Wunsch, für dessen Erfüllung er gern sterben würde, wirklich gewährt werden? Da blitzte es in den Augen des noch Zweifelnden hell auf, und sein suchender Blick blieb auf der linken Halsseite des Franzosen haften, wo dicht unter dem Ohre ein oval geschnittenes Stück Leinwand aufgeklebt war.
Von dem Franzosen aber war die Beklemmung wieder gewichen, und ein verächtliches Lächeln umspielte seine Lippen. In Aufwallung grenzenlosen Übermutes, der aus dem Vollgefühl seiner ungeheuern Stärke herauswuchs, richtete er sich hoch auf und warf herausfordernd den Kopf zurück. Sich noch einmal an seine Leute zurückwendend, befahl er ihnen, sich nicht eher auf die Gegner zu werfen, bis er ihnen das Zeichen dazu gebe. Darauf riß er den Säbel wieder herauf und schrie: