Friedrich wurde feuerrot; zum Glück konnte es in der Dunkelheit keiner sehen. Er schloß der Mutter mit einem Kusse den Mund und ließ sich von ihr noch einmal herzen. Dann riß er sich los und eilte den schon einige Schritte Vorangehenden nach.
»Ich würde noch ein Stück mit Dir gehen, Junge,« klang es ihm hinterdrein, »aber Ihr lauft mir zu schnell, und ich bin in Pantoffeln. Ziehe die roten Müffchen nicht aus!« – –
Aber der Ermahnte hörte die Stimme nicht mehr, soweit waren die Männer schon entfernt. Rüstig schritten sie auf der Straße dahin und näherten sich dem oberen Dorfausgang. Bald befand sich die zusammenhängende Reihe der weißen Giebel hinter ihnen, und nur noch einzelne Häuser lagen neben und vor ihnen.
Vom Osten her stieg ein fahles Licht herauf, und man konnte schon ein kurzes Stück weit die Gegend erkennen. Ueber den Wiesen hingen unbeweglich breite Nebelschwaden von wunderlichen Formen. Die Luft war empfindlich kühl, und an dem rasch heller werdenden Himmel verblichen die letzten Sterne. Der erste Hahnenschrei klang hinter ihnen aus dem Dorfe herauf, sonst aber hüllte sich die Natur noch in lautloses Schweigen.
Wie weit sie zu marschieren hatten, bis sie bei der ersten preußischen Vorposten ankamen, wußten sie nicht. Aber weiter als eine halbe Meile entfernt konnten sie nicht stehen.
Die Augen scharf offen haltend, marschierten die Männer, um ihre Tritte unhörbar zu machen, jetzt auf den mit Gras bewachsenen Rändern der Straße, die langsam anstieg, um unmittelbar hinter dem Schwedenloch wieder hinabzuführen. Auf der Höhe angekommen, wollten sie einen schmalen Feldweg einschlagen, der rechtsseitwärts der Straße entlang lief. Bis dahin aber mußten sie der Straße folgen, denn die Wiesen zur rechten Hand waren sumpfig.
Nur wenige Worte im Flüstertone wechselnd und das Geräusch des tiefen Atmens dämpfend, liefen sie im Gleichtritt hintereinander her. Nur noch wenige Schritte, und sie hatten die Höhe, – da sprang mit einem Male der am weitesten vorausgehende Schmied hinter einen Baum am Rande der Straße, und gleichzeitig sahen die Männer in kurzer Entfernung vor sich blitzende Bajonette. Wie gebannt standen sie still; sie waren überrascht worden. In demselben Augenblick aber schallte eine drohende Stimme durch die Stille, und die deutsch gesprochenen Worte ließen die Aussprache des Franzosen erkennen:
»Halt, Verräter!«
Jetzt wuchs auch aus den das Schwedenloch auf der einen Seite umsäumenden Büschen ein Haufen von etwa zwanzig französischen Soldaten hervor, hinter denen im Nebel einige Pferde matt erkennbar waren.
Die Gewehre von den Schultern reißend, drängten sich die Männer zusammen. Drohend und jeden Augenblick zum gegenseitigen Aufeinanderstürzen bereit, standen sich die beiden Haufen gegenüber. Ein Windstoß fegte die Nebelwand zurück, so daß es in dem mittlerweile schnell angewachsenen Zwielicht nicht mehr schwer war, das Gelände, auf dem man sich befand, genau zu übersehen und die Vorteile abzuschätzen, die es beiden Parteien bot.