Mit diesen Worten legte er die Hände beider ineinander und drückte einen Kuß auf die Stirn der Weinenden. Dann riß er das Gewehr an sich, streifte noch einmal mit dem Blick das Zimmer und stürmte hinaus, während der klagende Wehruf hinter ihm herklang: »Mein Sohn, mein Sohn – –!«

27. Kapitel.

Vor dem Freihofe standen etwa dreißig Menschen; außer den Fortziehenden und einigen ihrer Angehörigen ein paar Neugierige. Eine halb verdeckte Laterne huschte hin und her, und das Gespräch wurde leise geführt. Die Männer, die während der Nacht Wache gehalten, hatten nichts Verdächtiges wahrgenommen. Nur einer erzählte, daß er gegen Morgen vorsichtig ein Stück auf der Straße hinausgelaufen wäre, und da sei es ihm gewesen, als wenn er einigemale entferntes Pferdeschnauben durch die schweigende Nacht vernommen habe. Der Beobachter meinte, das könne wohl von einer französischen Patrouille herrühren. Aber der Wahrnehmung wurde kein Glauben beigemessen, denn der Erzähler galt als ängstlich, und seine gereizte Phantasie hatte das Rascheln von Laub im Winde für Rosseschnauben gehalten.

Eins aber war beunruhigend, die Tatsache nämlich, daß der Rabensteiner noch nicht zurückgekehrt war. Seit gestern abend harrte man seiner in banger Erwartung, bis zur Stunde aber vergebens. Daß er mit aller Vorsicht vorgegangen sein würde, wußte man von dem Besonnenen, und reiten konnte er, wenn’s not tat, wie der Teufel. Sollte er den Franzosen in die Hände gefallen sein und von ihnen etwa als Spion betrachtet werden? Sein Schicksal fand viel Besorgnis, und nur der Gedanke war tröstlich, daß er die Preußen glücklich erreicht habe, der Franzosen wegen aber nicht zurückkönne.

Viele Worte wurden nicht gewechselt, die meisten standen stumm beieinander.

Auch die Kirchengutbäuerin hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren Friedrich zu begleiten. Während der halben Nacht hatte sie an seinem Bette gesessen und ihn mit zärtlichen Empfindungen betrachtet und sich gewundert, daß er so ruhig schlafen konnte. Sein Lederränzel fand er am Morgen mit Lebensmitteln so vollgestopft, daß die Nähte zu zerreißen drohten und er mehrere Tage von dem Inhalt zehren konnte. Ja, ihre mütterliche Sorge ging so weit, daß sie ihrem Jungen, wie er zum Fortgehen gerüstet vor ihr stand, in die Tasche seines faltigen Rockes eine große Papierdüte gefüllt mit Kamillentee schob, mit dem sie alle Krankheiten erfolgreich zu kurieren pflegte. An die Gefahren, denen ihr Einziger entgegenging, dachte das besorgte Mutterherz in diesem Augenblick weniger als je, nur daran, daß er sie verlassen und sich ihrer Obhut entziehen wollte. Und das konnte sie bis zur letzten Minute noch nicht glauben. Denn er war ja von Kindesbeinen auf gewöhnt, die Mutter für alle seine Angelegenheiten bis ins kleinste sorgen zu lassen, und sie wußte, daß er darin hilflos geblieben war.

Friedrich hatte sich dieser Bevormundung stets willig unterworfen, in dieser Stunde aber fühlte sich der Stolz des jungen Kriegers doch etwas verletzt, und er beschloß insgeheim, sich des Kamillentees draußen vor dem Dorfe zu entledigen.

Die unermüdlich wiederholten Fragen, ob er sich auch wirklich gesund fühle und ob nicht noch etwas einzupacken sei, beantwortete er zerstreut und war froh, als die Mutter auf sein Drängen zum Abschied endlich ihr wollenes Umschlagetuch um die Schultern schlang und mit ihm auf die Straße trat. Schweigend ging er neben ihr her, während sie in einemfort auf ihn einsprach. Er solle es nicht zu toll treiben, sagte sie, und sich nicht immer vordrängen, die andern wollten auch zeigen, wer sie wären. Bald aber redete sie wieder vom väterlichen Hof. Daß sie mit dem alten Großknecht nun allein regieren müsse, was ja, solange es Winter sei, nicht allzuviel sagen wolle. Wenn aber das Frühjahr käme, dann solle er ans Heimkehren denken. Gerade im kommenden Jahre sei seine Anwesenheit ja so sehr vonnöten, denn für die beiden steifgewordenen Braunen müßten junge Pferde in den Stall, und die ganze weite Koppel hinter dem Berg, die so lange verlassen lag, sollte endlich gepflügt und mit Roggen bestellt werden. Schließlich sei auch der Anbau an den Rinderstall nun nicht mehr hinauszuschieben. Friedrich brummte nur bisweilen ein Ja oder Nein in den plätschernden Redefluß, und damit war die Mutter schon zufrieden.

Keiner der Männer fehlte mehr, als sich endlich auch der Freihofer einfand. Rasch wurde er von dem Ausbleiben Konrads unterrichtet, worauf er die Achseln zuckte und zum sofortigen Aufbruch antrieb. Hier und da eine letzte Umarmung, ein wortloser Druck der Hand.

»Denke einmal daran,« klang allen vernehmbar die hohe Stimme der Kirchengutbäuerin, »vierzehn Tage vor Weihnachten wird Deine Lieblingsschecke wieder kalben; hoffentlich geht es so gut ab wie das letzte Mal. Halte Dich immer hübsch warm, zwei frische Sacktücher stecken noch im Ranzen.«