Wie angewurzelt blieb sein Fuß auf dem Boden haften, während er sich blitzschnell umwandte. Die schon nach der Tür ausgestreckte Hand sank herab, und er konnte sich einer tiefen Rührung nicht erwehren, als er die zusammengesunkene Gestalt seiner Mutter gewahrte. Wie war sie doch in dieser einen Nacht hinfällig geworden! Diese gebeugte Haltung, das entstellte Gesicht, der gequälte Blick! Schwankte sie nicht? Mit ein paar raschen Schritten stand Max an ihrer Seite und bewahrte die Greisin vor dem Umsinken.

»Mutter,« rief er zärtlich, »wie konnte ich auch Dich vergessen! Verzeihe dem Ungestümen, der nicht schnell genug dem Vaterhaus den Rücken wenden kann!« Während dieser Worte hielt Max sie mit beiden Armen umschlungen, und die Freihoferin lehnte sich müde an des Sohnes Schulter.

»Geh dorthin, wohin Dich Dein Gewissen ruft,« sagte die Greisin mit leiser Stimme, »hier ist nicht mehr Raum für Dich!«

So standen sie einige Minuten stumm beieinander. Max wußte, wie sich das Herz seiner Mutter zusammenkrampfte, denn er kannte sie nur zu gut. Elisabeths Hinscheiden hatte ihr eine tiefe Wunde geschlagen, die sich kaum geschlossen hatte. Nun traf sie des erschütternden Unglücks Schlag und riß die alte Wunde wieder auf. Zu gleicher Zeit ging auch er noch von ihr, und sie blieb ganz allein zurück. Die kaum gewonnene Tochter, der sie schon nach kurzer Zeit ihre ganze Liebe geschenkt, ja an die sich die rasch Alternde angeschmiegt hatte, sollte ihr ein Trost sein, wenn er selbst gegangen war. Vielleicht hatte sie davon geträumt, wie neues, junges Leben auf dem Freihofe erblühen und die seit Elisabeths Tode einsam gewordenen Zimmer des Wohnhauses erklingen sollten von fröhlichen Worten, Singen, – Kinderlachen – – – Ach, es verlangte sie nur allzusehr darnach, wenn sie auch an der Fröhlichkeit scheinbar nicht teilnahm. Sie, der die Liebe nur eines Kindes zu wenig war, besaß jetzt keines mehr. Niemand würde ihr, wenn der Krieg ihn behielt, Trost in den letzten Tagen sein und keine liebende Hand ihr einst die Augen zudrücken!

Da hob die Freihoferin den Kopf auf, daß Max voll in das gramdurchfurchte Gesicht blicken konnte.

»Mein teurer Sohn,« sprach sie mit wiedergewonnener Fassung, während ihre Augen aber in rührender Bangigkeit auf ihm ruhten, »noch einmal: Ziehe dahin! Aber laß Dein Herz nicht anfechten. Wie groß auch die Prüfung sei, sie kommt von ihm, gegen dessen Willen wir uns nicht auflehnen dürfen.«

»Sei beruhigt, liebe Mutter,« rief Max fast mit einem Ton des Frohlockens. »Ich darf es nicht verhehlen, daß ich nahe daran war, der Anfechtung zu unterliegen, aber diese da stand mir bei. Und nun bin ich dagegen gewappnet für alle Zeiten!«

Ein Seufzer der Erleichterung entfloh den Lippen der Freihoferin. Sie richtete sich in die Höhe, legte die Hände auf das Haupt des zu ihren Füßen niederknieenden Sohnes und segnete ihn. Dann aber war ihre Kraft zu Ende. Sie warf sich an seine Brust, und was ihr bisher im Leben versagt geblieben war, gewährte der Greisin das Schicksal in dieser schweren Stunde als Trost: reichliche Tränen flossen ihr über die Wangen. Max empfand dieses Geschenk als eine Himmelsgabe und beugte sich herab und küßte die Zähren sanft von dem welken Gesicht.

Da schlug aus dem Gemurmel vor dem Hause eine Stimme an Maxens Ohr, bei deren Klang er zuerst zusammenzuckte. Dann aber eilte er, einer plötzlichen Eingebung folgend, hinaus und trat wenige Sekunden darauf wieder ins Zimmer, einen sich sträubenden Mann an der Hand führend, den er bis zum Stuhle seiner Mutter geleitete.

»Hermann,« sprach er, »ich will Dir jetzt Deinen Edelmut, mit dem Du mir vergolten hast, was ich Dir zufügte, angemessen lohnen, indem ich Dir das Höchste anvertraue, was ich besitze. Hier ist meine Mutter, seid ihr, Du und Dein Weib, fortan Kinder. Pflegt sie, schenkt ihr Eure Liebe, und lasset ihr Herz über Euch aufgehen. Nenne Dich von diesem Augenblick an ihren Sohn, es gibt keinen Würdigerern als Dich!«