Die furchtbare Last löste sich langsam von seiner Brust und schwand in einem reichlich fließenden Tränenstrom dahin. »Vergib mir, Geliebte,« flüsterte er, »gewähre mir Deine Verzeihung, wie ich sie von dem Allbarmherzigen zu erhalten hoffe!«
Lange verharrte er so auf den Knien, das Gesicht in den Falten des Kleides der Toten verborgen. Draußen auf der Straße erklangen Tritte, und einzelne Stimmen wurden vernehmbar. Obwohl sie nur flüsterten, hätte ein Aufhorchender im Zimmer erkennen können, daß entgegen der Abmachung Angehörige die ausmarschierenden Männer begleiteten. Aber es dauerte geraume Zeit, bis der Knieende das immer mehr anschwellende Stimmengemurmel vernahm, so weltenfern waren seine Gedanken entrückt gewesen. –
Jetzt kehrte sein Geist in die Wirklichkeit zurück. Er vernahm, wie die Mutter aufstand und hinter seinem Rücken auf den Strümpfen aus dem Zimmer ging. Nach einer Weile trat sie wieder ein, legte leise sein Gewehr und den schweren Säbel aus dem Nachlaß seines Großvaters auf den kleinen Tisch an der Wand, stellte die flackernde Lampe dazu und setzte sich wieder geräuschlos auf ihren Stuhl.
Max erhob sich. Seine Haltung war aufrecht, seine Bewegungen elastisch. Neue Kraft rollte ihm in den Adern, und seine Augen glänzten wieder, als er Maria betrachtete. Sie war gestorben wie ein tapferer Streiter auf der Walstatt. Ihr unter des Vaterlandes Schmach gleichfalls gepreßtes Herz hatte sich nun im Kampfe um ihr höchstes Gut verblutet. Sie war zuerst erlegen; wie lange würde es dauern, bis das Los ihn traf? Draußen standen schon die Kameraden und harrten seiner ungeduldig. Er durfte sie nicht warten lassen. Schnell also Abschied genommen von der unvergeßlichen Toten, mochten die Zurückbleibenden sie zum letzten Schlummer betten. Seine Kraft gehörte dem Leben, sein Leben bis zum letzten Hauche dem Vaterland! So handelte er auch, wie er wußte, nach Marias Wunsch. Und dem Walten der Vorsehung, gegen das er frevelhaft aufbegehrt hatte, hatte er sich gläubig ergeben. Nun gab es hier für ihn nichts mehr zu tun.
Er ging zu dem Wandtische, warf den Tornister mit Wäsche und Mundvorrat auf den Rücken, schnallte den Säbel um die Hüften und legte den Riemen des Gewehres über die Schulter. Jetzt war er gerüstet und bereit, den Weg zu betreten, den viele andere deutsche Männer schon vor ihm gegangen waren.
Doch bevor er sich zum gehen wandte, warf er noch einen letzten Blick zurück auf sein Weib. Wie friedlich sie doch schlief! Kein Zug des Gesichts deutete auf Schmerz, den sie im Tode erlitten hätte. Sie war mit dem Gedanken an ihn und dem festen Vertrauen auf des Allmächtigen verzeihende Liebe von hinnen gegangen. Und so hatte auch für ihn das Schrecknis seine zerschmetternde Wirkung verloren. Ihr Auge blickte aus Himmelshöhen liebend auf ihn herab, und ihre Seele umschwebte ihn schützend auf allen Wegen. Mit dieser erhebenden Zuversicht konnte er froh und leichten Herzens ins Feld ziehen.
Neu erwachter Lebensmut schwellte seine Brust, und während er sich über die Tote beugte und zum letzten Male die weiße Hand drückte, sprach er:
»Schlafe wohl, Du Reine, und sei auch fortan mein guter Engel!«
Entschlossen wandte er sich ab und schritt nach der Tür. In demselben Augenblick vernahm er ein Geräusch, wie vom schnellen Zurückstoßen eines Stuhles stammend, dem das heftige Poltern des umstürzenden Gerätes unmittelbar folgte. Und dann gellte ein durchbohrender Schrei durch das Zimmer, der Angstschrei eines todeswunden Mutterherzens:
»Max!«