Der unglückliche Mann in der einsamen Stube erwachte und schlug beide Fäuste vor die Stirn, denn sein Herz war zerrissen und blutete aus tausend Wunden. Seine Seele aber wußte in dem verzweifelten Kampf, den sie bestand, nicht, wohin sie sich wenden sollte; hilfesuchend irrten die Augen des Mannes umher.
Da hob die Freihoferin, das erste Mal seitdem sie sich an den Tisch gesetzt hatte, den Kopf und sah sich in dem Halbdunkel entgeistert um. Endlich kehrte ihr das Verständnis für die Umgebung zurück, und die harten Züge der Greisin verzogen sich schmerzlich. Schon wollte sie das Haupt wieder auf die Arme niederlegen, da begegneten ihre Augen dem hilfeflehenden Blick ihres Kindes. Sie machte eine verzweifelte Anstrengung, sich zu erheben, aber ihr Körper sagte dem Willen den Dienst auf. Gebrochen beugte sie sich unter dem gewaltigen Schmerz, den diese Augen ihr bereiteten, und in das gramerfüllte Gesicht schoß der Ausdruck, der ein Menschenantlitz furchtbar entstellt: der qualvolle Ausdruck ohnmächtiger Liebe. Stumm machte sie mit der Hand eine matte Bewegung nach ihrem Kinde, dann sank der Kopf der Greisin wieder auf die Arme herab.
Während aber draußen im Dunkel der Nacht, nur wenige Stunden entfernt, auf den herbstlichen Feldern Hunderttausende mit der Waffe in der Faust in leichtem Schlummer dem anbrechenden Morgen entgegenharrten, um den grausigen Kampf fortzusetzen, schlugen in der Brust des schwergeprüften Mannes die Flammen der Verzweiflung noch einmal hoch auf. Gut und Böse rangen zum letzten Male erbittert miteinander, dieses unterstützt von den wildschäumenden Furien des Schmerzes und Trotzes, jenes gekräftigt durch den mahnenden Zuspruch des leise wiedererwachenden Gewissens.
Hatte Max vorhin sein Schicksal verflucht und gegen das Walten der Vorsehung gerast, so versagte ihm jetzt hierzu die Kraft; sein Trotz war gebrochen. Aber sein Inneres war eine Beute entfesselter Gewalten, über die zu gebieten er nicht imstande war. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Er preßte die Hände auf die hämmernden Schläfen, um sie vor dem Zerspringen zu schützen, und sein Körper wand sich wie unter Peitschenhieben.
Endlich, nach furchtbar qualvollen Stunden, ging der Kampf zu Ende. Dem Lager, gegen das er stritt, nahte Hilfe, die es unbesiegbar verstärkte, so daß er sich unterwerfen mußte. Kraftlos entglitt den für ihn streitenden Mächten die Wehr. Und wenn er jetzt noch genug Stärke besessen, um selbst für sich zu kämpfen, er hätte dennoch die Faust sinken lassen müssen, denn die, um derentwillen er sich gegen die höhere Macht aufgelehnt und für die er mit seiner ganzen Kraft nach Rache an dem Schicksal geschrien hatte, wandte sich selbst gegen ihn, – Maria!
Er sah sich in dem hohen Erkerzimmer des Schlosses, wie er es am Morgen dieses unheilvollen Tages betreten hatte um die Braut in Empfang zu nehmen, fühlte den Schlag ihres von finstern Ahnungen gequälten Herzens an dem seinen und vernahm ihre flehende Stimme, gleichsam als ob sie das alles, was sich eingestellt, vorausgesehen hätte:
»Wie es auch kommen mag, Geliebter meines Herzens, laß uns in unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!«
Gegen diese Macht konnte er fürder nicht streiten, und demütig beugte er vor ihr das Haupt. Die Eisrinde, die seine Brust gepanzert hatte, schmolz unter dem warmen Hauche, der von diesen innigen Worten ausströmte, und der Pfeil, den er vorhin von der überstraff gespannten Sehne schnellen ließ, wandte sich gegen seinen Schützen. Der hoffärtige Zorn und der ingrimmige Trotz stahlen sich heimlich von ihm fort, und Demut und kindliche Unterwerfung unter den Willen des Lenkers der Geschicke zogen in seine Brust ein. Gott hatte ihn bis heute mit der verschwenderischsten Fülle seiner Gaben überschüttet, denn sein Lebenspfad war sonnig gewesen. Nun schickte der Himmel die Prüfung, – und er unterlag. Ja, das Aufschrecken aus dem wohligen Leben war rauh, es war ein herzspaltender Schwerthieb gegen ihn geführt worden, – aber es war doch auch eine Prüfung auf seinen Glauben, die keinem Sterblichen erspart bleibt.
Max beugte sich tief hinab, denn er empfand brennende Scham im Herzen.
Und dann dachte er der teuern Toten. So hatte er sein Versprechen ihr gehalten, das er mit Druck und Kuß besiegelt hatte! Ihre Worte waren für ihn, kaum verklungen, – vergessen. Er schloß die schmerzenden Augen und bedeckte sie mit den Händen. Aber ob er der Erscheinung auch fliehen wollte, das schmerzerfüllte Antlitz Marias stieg vor seinem Geiste herauf. Kein Vorwurf stand darauf geschrieben, aber der umflorte Blick aus ihren kummervollen Augen traf ihn wuchtiger als die schwerste Anklage. Der ganze ungeheure Schmerz, das entsetzliche Weh bäumten sich in ihm auf, rissen den Unglücklichen gewaltsam in die Höhe und warfen ihn willenlos vor der Leiche nieder. Tieferschüttert tastete er mit den Händen nach dem glaubensstarken Mädchen, und dem bebenden Munde entrangen sich die Worte: »Hehrer Geist meiner Maria, verlaß mich nicht in dieser Stunde!«