Max fuhr erschrocken auf und sah sich nach allen Seiten um. Draußen war undurchdringliche Nacht. Auch im Zimmer herrschte Finsternis, nur auf dem runden Tische stand vor der schlafenden Mutter eine kleine, zinnerne Öllampe, deren rußige Flamme einen schwachen Lichtschimmer verbreitete. Aber es war niemand bei ihm, der die eben vernommenen Worte gesprochen hätte. Also war es die Stimme in seinem Innern gewesen, die zu ihm geredet hatte. Und wenn er ehrlich sein wollte, – war er nicht bei ihrem mahnenden Klange erschreckt zusammengefahren? Ja, war denn in seiner Brust noch ein Gewissen rege? Und wenn es noch nicht erstorben war, brauchte er dieser Stimme noch sein Ohr zu leihen, angesichts des bejammernswerten Opfers göttlicher Raserei?
Eine neue, gewaltige Zornwelle trieb von seinem Herzen zu den Schläfen und machte ihn heiß aufbegehren, und die Hände fuhren in die Luft, als wollten sie etwas ergreifen, was sie zerreißen könnten.
Da überfiel ihn eine übermächtige Müdigkeit, gegen die sich sein Wille einen Augenblick unwillig auflehnte, um sich dann sträubend zu unterwerfen. Seine Arme erschlafften und sanken herab, und er neigte den Kopf auf die Brust. Die übermenschliche Anstrengung seiner Sinne und die tiefe Erschütterung infolge des gewaltigen Schlages hatten zu stark an den Kräften des Mannes gezehrt. Jetzt war sein Widerstand für eine Weile überwunden, und ein mitleidiger Schlummer senkte sich auf ihn herab, der ihn seine unglückliche Lage vergessen ließ und seinen müden Geist hinüber in das wunderbare Land der Träume führte.
Mit einem unvergeßlichen Erlebnis aus seiner Kindheit Tagen begann das Spiel seiner Phantasie.
Es war ein linder Frühlingsmorgen. Die Schneeglöckchen und Veilchen blühten im Garten unter den hohen Obstbäumen, und der weiche Windhauch trug ihren süßen Duft in alle Räume des Wohnhauses auf dem Freihofe. Er war noch ein Knabe und saß in der Stube am Fenster, als die Mutter sonntäglich gekleidet in das Zimmer trat und sprach:
»Jetzt habe ich Dein Schwesterchen in den Garten getragen, wo sie in dem warmen Sonnenschein süß schläft. Die alte Katharine sitzt neben dem Korbe und hütet Elisabeths Schlummer. So, und und wollen wir zur Kirche gehen.« Und bei diesen Worten faßte ihn die Mutter an der Hand und sie verließen den Hof.
Dieser Tag war für ihn von hoher Bedeutung gewesen, denn es war das erste Mal, daß ihn die Mutter zum Kirchgang mitnahm. Das hohe Gotteshaus und die Menge der Andächtigen in ihrem Sonntagsschmuck und den Ernst auf den Zügen, machten einen tiefen Eindruck auf den Knaben, und als der Gesang der Gemeinde feierlich anhob, zog eine hohe Weihe in seine Kinderseele. Und so war der Tag für ihn ein Ereignis geworden, dessen Erinnerungen im Leben nie verblassen sollten.
Bis hierher war das Traumbild einer langentschwundenen Wirklichkeit entnommen; jetzt begann die Phantasie ihre Malereien.
Er sah Pastor Reinerz auf der Kanzel stehen und vernahm seine Worte, die von den Leiden Lazarus erzählten, dieses Schwergeprüften, der in all seinem Unglück nicht die Zuversicht auf die göttliche Barmherzigkeit verlor und selbst dann nicht aufhörte Gott zu preisen, als sich seine Leiden bis ins unerträgliche gesteigert hatten. Vor des Knaben Augen aber erschien während der Worte des Geistlichen die Gestalt des in seinem Glauben unerschütterlichen Mannes. Er sah vor dem Altar einen elenden Greis in spärliche Lumpen gehüllt liegen, die die Blöße des abgezehrten und über und über mit eiternden Wunden behafteten Körpers nicht bedeckten, Schmerz und Entbehrung hatten tiefe Linien in das Gesicht gegraben, dessen Züge den immerwährenden Kampf der Versuchung mit dem felsenfesten Vertrauen erkennen ließen.
Da wurde der Ausdruck auf dem Gesichte des Armen friedlich, und seine Augen leuchteten in überirdischem Glanze. Der Knabe sah zur Decke der Kirche empor, doch das Dach des Gotteshauses war verschwunden, und die Blicke schweiften in die sonnendurchgoldigte, blaue Luft, bis hinauf in die Wohnungen der Seelen. Und vor seinen staunenden Augen erschien eine unübersehbare Menge strahlender Engel in weißen Gewändern, die aus Dunst und Wolkenschleiern hervorschwebten und, sich umfangend, einen weiten Halbkreis bildeten. Mit glockenreinen Stimmen begannen sie einen wunderbaren, himmlischen Gesang, dessen Weise sanft auf die Erde herabströmte und die Brust des Knaben anfüllte, daß seine Seele in heiligem Schauer erbebte. Da öffnete sich plötzlich der Himmel, und von goldenem Lichte umflutet erschien das Haupt des Gekreuzigten unter der Dornenkrone, mit dem Ausdruck unendlicher Liebe in den Zügen. Durch das Lied der Engel aber klang laut eine Stimme, und die Worte tönten hernieder: Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben! In diesem Augenblick entfloh die Seele des Kranken ihrer armseligen Hülle und schwebte, von den Engeln geleitet, aufwärts, immer höher, bis endlich alle den Blicken entschwanden.