Das also war seine Hochzeitsnacht! Nicht auf weichem Wonnepfühl, Leib an Leib streckten sie in seliger Umarmung die Glieder, – zusammengesunken und mit einer nie wieder heilenden Wunde im Herzen saß der Bräutigam neben dem harten Lager der schönen Braut. Zwischen ihnen aber kauerte der unerbittliche Knochenmann und betrachtete grinsend das hellrote, rauchende Blut, das von seiner Sense herabtropfte.

Wie ein gefesselter Löwe gegen seine Ketten, tobte Max wider die stärkere Macht, die seinem Herzen diese Wunde geschlagen hatte, und anstatt Schrecken schüttelte seinen Körper der Zorn.

An seinem Geiste zog langsam sein ganzes Leben vorüber, und von dem einförmigen Hintergrund seiner ohne Stürme verflossenen Lebensjahre hob sich in leuchtenden Farben die Zeit der Liebe zu Maria ab, seiner tiefen und starken Liebe, deren Wurzeln sich bis auf den Grund seines Herzens hinabrankten.

So unsagbar elend mußte sie an ihrem Ehrentage zugrunde gehen! Wie hatte sich Maria auf die Hochzeit gefreut! Viel mehr noch, als sie es ausgesprochen hatte. Das hatte er oft aus den versonnenen Augen gelesen, die der blanke Spiegel ihrer reinen, unschuldvollen Mädchenseele gewesen waren. Und nun! Welch schriller Mißklang, welch unreine Schlußakkorde, die aber vor der himmlischen Melodie, die ihre Seele droben empfing, wieder zu den Irdischen flüchten mußten. Den Makel, den jener Bube ihr zugefügt, hatte ihr guter Engel aber in dem Augenblick wieder von ihr genommen, als sie den Tod einem Leben vorzog, dessen Wert für immer verloren war.

Doch was für Gedanken kamen ihm da! Nein, fort mit der Weichheit, denn nichts Mildes, keine Barmherzigkeit wohnen bei den Mächtigen im Reiche der Seelen. Und er bäumte sich im Trotz von neuem auf unter dem entsetzlichen Drucke.

Man sagt, daß Gott die Menschen ihre Missetaten sühnen läßt, wenn das Maß gefüllt ist. Aber warum ließ er deshalb gerade sie zerschmettern? Sie, die Sündenreine, Edle, die den anspruchsvollsten Anforderungen des Schöpfers an seine Kreaturen glänzend gerecht wurde und die wert gewesen wäre, das Schoßkind der Gottheit zu sein? Das war keine Großtat! Laßt, Menschen, den wildesten Leidenschaften die Zügel schießen, züchtet die niedersten Begierden in der befruchtenden Treibhausluft Eurer ärgsten Sittenlosigkeit und spottet aller Sühne und Vergeltung! Dann wird Euch beim Sterben das befriedigende Bewußtsein werden, Eure Tage würdig benutzt zu haben, und die Posaunen des jüngsten Gerichts werden Euch nicht schrecken, sondern wie blecherne Kindertrompeten klingen, mit denen die Frucht Eurer Wollust einst spielte. Denn das Walten des Gottes ist blind! Er wütet gegen sein getreustes Abbild und läßt den Verächter seiner Gebote unangetastet die Straße ziehen!

Max krampfte die Hände ineinander: wenn es ihm doch vergönnt sein möchte, jenem Tier in Menschengestalt noch einmal zu begegnen, die Seligkeit tauschte er willig dagegen ein! Den gräßlichsten Tod würde er für ihn ersinnen! Und doch, welches beseligende Bewußtsein gewährt wieder der Trost, daß jeder Flecken von Marias Reinheit getilgt ist, seitdem ihr Geist seinen Aufflug zu den verklärenden Strahlen des ewigen Lichts angetreten hatte.

Max fuhr bei diesen Betrachtungen zusammen. Warum gehorchten ihm seine Sinne nicht? Weshalb drängten sich dem Widerstrebenden Gedanken wie diese immer wieder auf? – Ach, es waren die treuen Gefährten seiner Kinderzeit!

Als er noch ein Knabe war, war vor dem Schlafengehen sein Lieblingsplatz zu den Füßen der Mutter, die die schlummernde Elisabeth auf den Armen hielt, während er den Kopf an der Mutter Knie gelegt hatte und ihren Worten lauschte, mit denen sie dem Knaben von der Liebe und Güte des Schöpfers und Erhalters der Welten erzählte. Damals, ja damals konnte er noch aus inbrünstigem Herzen sein Abendgebet sprechen und auf die alles umfangende Liebe des ewigen Gottes vertrauen.

»Und hast Du nicht noch gestern vor dem Einschlafen Deine Hände nach Kinderart gefaltet und aus Deinem übervollen Herzen ein Gebet gestammelt?« tönte plötzlich eine ernste Stimme an sein Ohr.