26. Kapitel.
In die Mitte der großen Stube hatte man einen langen Tisch gestellt, und auf diesem ruhte Maria, den Kopf auf ein Kissen gebettet. Sie trug noch ihr Hochzeitskleid. Ihre Hände waren auf der Brust ineinandergelegt und hielten die gepflückten Blumen umschlossen. Zu ihren Füßen, mit dem Rücken nach der Tür gewendet, saß steif und unbeweglich die Freihoferin.
In unnatürlicher Ruhe blieb Max eine kurze Weile an der Tür stehen und betrachtete die Tote. Langsam trat er endlich näher. Als die Mutter das Herankommen des Sohnes vernahm, erhob sie sich stumm und ohne sich nach ihm umzusehen, als habe sie nunmehr diesen Platz zu räumen. Dann setzte sie sich an den runden Tisch auf ihren gewohnten Platz und legte den Kopf mit dem weißen Haar auf die Arme.
Max ließ sich auf den Stuhl niederfallen, beugte den Oberkörper, beide Ellbogen auf die Knie stützend, vornüber und in einem Traumzustand versinkend, behielt er die Augen unverwandt auf sein totes Weib gerichtet.
Sein Inneres war wie versteinert. Das Unglück in seiner Riesengröße und zerschmetternden Wucht war so urplötzlich über ihn hereingebrochen, daß das Entsetzen seine Seele umdüstert hatte. Ein Blitzstrahl war herabgefahren und hatte den starken Mann getroffen und seinen feinsten Lebensnerv bloßgelegt.
Wie armselig ist doch in den Augenblicken des entsetzlichsten Wehs der Mensch! Ob König oder Bettler, zarte Jungfrau oder lästernder, brutaler Gewaltmensch, ob naives Gemüt oder weltenumspannender Geist, – gleichviel: eine Riesenfaust greift hinein in das Innere und schüttelt das Menschlein zum Erbarmen und wirft es zuletzt in den Staub!
Mehrere Stunden hatte der unglückliche Mann regungslos gesessen, bis sich die Schatten der Nacht auf die Erde herabsenkten. Und mit ihrem Kommen wurde es in seiner Seele lichter. Die entschwundenen Sinne kehrten langsam wieder zurück, und die Fähigkeit, die Schwere des Unglücks zu ermessen, wurde wieder wach. Eine unsägliche Bitterkeit bemächtigte sich seiner.
So schnell also und so schimpflich mußte eine reine Seele sterben? – Ein Ekel, Mensch zu sein, mußte jeden überkommen, der dieses Verhängnis und sein Opfer kannte. Der Schöpfer der Welten schafft die Menschen im Übermut, damit er sie in lüsterner Grausamkeit wieder zertrümmere. Seine wahnwitzigen, auf Zerstörung gerichteten Launen blitzen grell auf und vernichten, als wenn drunten in der Grube die schlagenden Wetter aufblitzen, und ihre elementare Kraft den nach desselben Gottes Gebot im Schweiße seines Angesichts sich mühenden Menschen wie einen Spielball gegen die Wände der Grube schleudern und ihn endlich als formlose Masse liegen lassen. Mit der Geburt in die mißliche Lage hineingestoßen, umlauert von tückischen Mächten, preisgeben der Not, der Krankheit, dem Schmerze der Welt, der Verzweiflung, dem Tod, – das ist das Schicksal der Sterblichen! Der Erbarmungslose aber, dem seine Geschöpfe nichts weiter sind als ein Spielzeug, der ein Werk, aus seiner Hand hervorgegangen, nach einem andern schleudert, um sich an dem Zermalmen beider zu ergötzen, diese im Rausche schaffende und zerstörende Kraft, dieser blindwütige Despot nennt sich selbst der Menschheit Gott, ihr liebender Vater und Erbarmer! – Haha, – Wahnwitz ist sein Beginnen, niederste Grausamkeit seine Befriedigung.
Blühende Gefilde, bereitet unter inbrünstigen Gebeten und mit frohen Hoffnungen, gedüngt mit sauerm Schweiß und gehegt mit Daransetzen der besten menschlichen Kräfte, zerstören jubelnd seine wilden Gewalten, während sie an den Verfall, an die Trümmer, die Verwesung, das Chaos nicht rühren. Dem Lasterhaftesten seiner Menschen, dem Bekümmerten und Elenden, dem Fluchwürdigen, dem, der dem Schöpfer nachäffend die Völker sich zerfleischen läßt, daß Tausende von Leben untergehen, – diesen allen, die den Tod täglich herbeisehnen, oder die sein Blitz spalten müßte, läßt er das Leben; – das Schöne aber wirft er in den Staub, das strotzende Leben vernichtet, die bauende Hoffnung enttäuscht er. Und die höchste seiner Gaben, die Reinheit, läßt er schamlos beflecken. Das ist der Gott der Menschen!
Der Freihofer schüttelte leise den Kopf. Und das war sein Hochzeitstag, und das seine Brautnacht! Wahrlich, es war ein Meisterstück des auf neue Grausamkeiten sinnenden Schicksals, ein Streich, den alle Teufel ausgesonnen hatten. Man mußte sie loben, die erfindungsreichen Höllenbewohner, wenn ihr Schelmenwitz nicht so witzlos, ihr Erfindungsgeist nicht so traurig wäre. All ihr dunkeln Gewalten, Verhängnis, Schicksal, Teufel – Gott, zuletzt ist euch der Mensch doch überlegen! Untergehend belächelt er eure Wut, und das gefaßte Sterben des schwachen und – gegenüber den Jahrmillionen eures unheilvollen Wirkens – ephemeren Geschöpfes müßte Euch die Schamröte in die Schläfen jagen. Aber hohen Sinn und Edelmut darf man nicht bei den Unsichtbaren suchen.