Der Hügel, auf dem der Wanderer sich befand, ging nach rechts in die weite Ebene über. Das linke Ufer des Flüßchens dagegen erhob sich zu einer sanften Lehne, auf deren höchstem Punkt, vielleicht zweihundert Fuß über dem schlanken Turme des Kirchleins, ein altes Schloß thronte. Es war eine festungsartige Burg mit einem weit hervortretenden Mittelbau und zwei dicken, vom Erdboden ab aufgeführten Türmen, von denen der westliche, wahrscheinlich infolge Altersschwäche, zur Hälfte eingestürzt war.

Jahrhunderte mochten ins Land gezogen sein, seitdem der Grundstein dieser Feste gelegt worden war. Wohl hatte das Schloß den Zeiten und Wettern seinen Tribut zollen müssen, aber noch immer behauptete es, den wildesten Stürmen zum Trotz, seinen Platz, wuchtig und herausfordernd zugleich, und die großen, weißen Quader leuchteten noch wie ehedem weit in das Land hinein. Wie ein ehrfurchtgebietendes Denkmal alter Zeiten, ein stummer Zeuge der Geschehnisse eines halben Jahrtausends grüßte es zu dem Wanderer herüber.

Dieser hatte sich an eine der hohen Fichten gelehnt und überließ sich ganz dem Zauber des Anblicks, der sich ihm bot.

Seine Blicke glitten hinüber zu dem mächtigen Bauwerk, das als ein stolzes Erzeugnis menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes, nunmehr dem Zerfall entgegenging, wie es den Menschenwerken endlich beschieden ist.

Die Phantasie gaukelte dem Fremden die Geschichte des Schlosses in lebhaften Bildern vor die Seele. Er sah, wie die mächtigen Bausteine von starken Pferden den Berg hinangeschleift wurden, wie die Mauern erstanden, und wie endlich der Bischof segnend die Hände über den Bau ausbreitete, den die Bewohner des Dorfes mit frischen Blumengewinden bräutlich geschmückt hatten. Dann sah er, wie die Tore sich öffneten und aus ihnen eine lärmende Schar herauszog, den Schloßherrn mit seinen Gästen an der Spitze, und an ihrer Seite ritten Edelfrauen mit den Jagdfalken auf den Schultern. Aber weiter eilte sein Geist. Er sah wieder ein Häuflein den Abhang herabziehen, diesmal aber nicht zur Jagd, oder um die feurigen Rosse im Turnier zu tummeln: von den Schildern der Gewappneten glänzte das Kreuzeszeichen, und die Ritter schauten mit ernsten Mienen hinauf, wo vom Söller die Frauen feuchten Auges die letzten Grüße herabwinkten. Und jeder der Beherzten fragte sich leise: »Wer wird wiederkehren?« Doch im nächsten Augenblick warfen sie unwillig den Kopf in den Nacken und reckten die gepanzerten Glieder, daß die eherne Rüstung klirrte, und die wallenden Federn der blanken Helme durcheinander wogten, und sie beeilten sich, die sie überkommene Weichheit zurückzudrängen. Seit wann war es denn auch Sitte, daß der zum Kampfe ausziehende deutsche Krieger der Weibertränen achtete? Galt es doch diesmal, dem heidnischen Sarazen die Herrschaft über das heilige Grab mit dem Schwert wieder zu entreißen und an der Stelle des Halbmonds die Kreuzesfahne aufzupflanzen.

Jahrhunderte durchmaß des Wanderers Phantasie. Die sonst so friedliche Umgebung des Schlosses war niedergestampft, niedergebrannt, verwüstet. Rundum breitete sich das Heerlager des Belagerers aus, der sich eben anschickte, die Feste zu berennen. Sturmleitern wurden in Eile herangeschoben, und Rammbock und Mauerbrecher waren in Tätigkeit. Von oben aber wurde siedendes Oel hinabgegossen, und Steinblöcke wurden mit wildem Getöse auf die Stürmenden herabgeworfen, während des Angreifers Feldkartaune aus ihrem ehernen Leibe schwere Geschosse gegen die stellenweise schon wankenden Mauern schleuderte. Da schien mit einem Male der Widerstand der Eingeschlossenen gebrochen; die Abwehr läßt nach, die Mannen auf dem Mauerrand ziehen sich zurück. Da, – Stimmengewirr, Schnauben und Stampfen nicht mehr zu zügelnder Rosse. Gedämpfter Kommandoruf wird vernehmbar, und – nieder rasselt klirrend die Zugbrücke. Wie Sturmwind fegt es darüber hinweg: die Belagerten machen einen Ausfall. Wenn der Untergang im Buche des Schicksals einmal besiegelt, dann wenigstens nicht ruhmlos untergehen, Hörnerruf, der erzene Klang der ihren Scheiden entfliehenden Schwerter, und dann mit vielstimmigem, drohendem Schlachtruf hinein in die schnell gebildeten Haufen der Feinde. Wie Löwen kämpfen die Ritter, und manch einem entsinkt das Schwert der Faust; edles Blut färbt den Rasen. Aber Söldlinge können solchem Ansturm nicht lange widerstehen: hier und dort beginnt der Feind schon zu weichen, und endlich wirft der bleiche Mond sein mildes Licht auf den Kampfplatz, den sich die Tapfern, wenn auch mit schweren Opfern, ruhmvoll erkämpft, und die Geister der Gefallenen setzen auch dann noch erbittert den Strauß fort, wenn die Überlebenden längst schon die müden Glieder auf das Lager streckten.

Die feinen Züge des Fremden hatten sich belebt und seine Augen glänzten begeistert.

Dann wandte er sich ab und sah hinein in das weite Land. Die Felder waren überreich bestanden, ihre Grenzen hoben sich von einander scharf ab. Hier und dort bemerkte er eine Windmühle, deren lange Flügel sich rastlos drehten, – fast vermeinte er, ihr Klappern töne herüber; dort wieder stand ein einsames Haus, dort lag ein Dorf in weiter Ferne, als wenn ein Riesenkind seine Spielwaren aufgebaut habe, und weit hinten am Horizont grüßten die Türme von Leipzig, – der alten Lindenstadt. Über dem ganzen herrlichen Bilde aber lag ein Hauch von Frieden und segensreicher Arbeit.

Der einsame Beschauer ließ seine trunkenen Blicke von einem zum andern gleiten, über all die blühenden Gefilde, die gesegneten Fluren; und er seufzte. Denn noch immer befürchtete man die Wiederkehr der Scharen Napoleons. Die Wunden, die des verhaßten Korsen blutige Geisel geschlagen, waren noch lange nicht verheilt, und die Schrecken der Tage von Jena und Friedland zitterten noch sattsam nach in den Seelen der Menschen.

Wie lange war es dem Landmann noch beschieden, friedlich seine Felder zu bebauen und den reichen Gottessegen einzuernten? Konnte es nicht dem Ruhelosen noch einmal gelüsten, sein Schlachtenglück zu erproben und Verwüstung und Greuel hineinzutragen in die deutschen Lande, in denen eine große Anzahl von Eltern und Kindern an den noch frischen Gräbern ihrer Teuern stand, die der Ruhmsucht dieses Weltenstürmers zum Opfer gefallen waren! Sind nicht alle Menschen Brüder untereinander, und warum läßt ein gerechter Gott Tausende von blühenden Jünglingen dahinsinken nach dem Willen eines Einzigen?