Dem Wanderer schauerte, wenn er daran dachte, daß diese Fluren verödet, zertreten werden könnten, und er wandte sich langsam zum Gehen.
Noch immer diesen Gedanken nachhängend, stieg er den Hügel hinab und befand sich bald zwischen den ersten Häusern von Rehefeld.
Kurz nach dem Betreten des Dorfes fiel sein Blick auf ein kleines, altes Haus, das von einem sorgfältig gepflegten, kleinen Garten umgeben war. Vor ihm saßen auf der steinernen Bank neben der Tür drei Menschen: ein junger Bauernbursche, der den Arm um die Hüften des neben ihm sitzenden Mädchens gelegt hatte und eine kleine, gebückte Frau, deren hohes Alter mit dem des Hauses wohl fast übereinstimmen mochte. Auf ihren Knien hielt sie eine Schüssel, in die sie Kartoffeln hineinschälte.
Einer plötzlichen Eingebung folgend, trat der Wanderer an den niedrigen Zaun und fragte hinüber, ob er wohl eine kleine Zehrung erhalten könne.
Die drei hatten den Fremden schon beim Näherkommen mit neugierigen Blicken betrachtet, seine unerwartete Anrede aber machte sie verlegen. Am ehesten fand die Alte Worte. »Wenn der Herr mit einem Trunke frischgemolkener Milch fürlieb nehmen würde –«
»Das ist es ja gerade was ich wünsche,« antwortete der Fremde und trat durch die Tür in den Garten.
Der Bursche war aufgestanden und bot dem Ankömmling seinen Sitz auf der Bank an, den dieser aber mit einem lächelnden Blick auf das errötende Mädchen dankend ausschlug.
Unterdessen hatte die Greisin den Napf zu Boden gesetzt und war dann mit überraschender Beweglichkeit in das Haus geeilt, um bald darauf mit einem Glase Milch und einer Brotschnitte zurückzukehren.
Der Fremde, der sich auf einem Grasstreifen des kleinen Gartens niedergestreckt hatte, griff verlangend nach dem dargebotenen Trunk und tat einen tiefen Zug davon. Dann brach er das Brot auseinander, tauchte es in die Milch und verzehrte das einfache Mahl mit sichtlichem Behagen. Die Alte und der Bursche hatten sich wieder zu dem Mädchen gesetzt, und nun ruhten aller Augen auf dem Fremden, der sich so zwanglos vor ihnen niedergelassen hatte, und jeder von ihnen versuchte nach seiner Art zu erraten, welch Standes er wohl sei.
Ein Bauer war er nicht, das sah der Bauer auf den ersten Blick. Er war von schlanker Gestalt, noch nicht dreißig Jahre alt und hatte ein von der Sonne stark gebräuntes Gesicht. Seine Züge waren vornehm, seine Haltung und Art edel. Die Kleider hatten einen Schnitt, wie man ihn hier im Dorfe selten sah und waren von feinem Tuche gefertigt. Es war schade, daß man die Farbe des Stoffes nicht recht erkennen konnte, eine so dicke Staubschicht lag darauf. Der Fremde mochte heute früh weit von Rehefeld entfernt aufgebrochen sein. Er war ein Stadtherr, das stand fest. Aber was mochte ihn hierher führen? Vielleicht war er auf der Reise nach Leipzig, denn das kleine Dörfchen bot für einen Mann wie seinesgleichen keine Anziehung.