Was hatte ihn aus seiner Ruhe so jäh aufgejagt? Ihn, Max von Tiefenbach, den jungen Freihofbauern, der von seiner Mutter so viel kühlen Verstand geerbt hatte, und den man so oft um sein inneres Gleichgewicht beneidete?
Max suchte vergeblich nach einer Antwort hierauf. Sollte er nahe daran gewesen sein, durch zwei blaue Mädchenaugen zum törichten Jungen zu werden, der stundenlang schmachtend um das Haus seiner Herzenskönigin schleicht, um einen Blick von ihr zu erhaschen?
Er riß den Gedanken unwillig ab, um ihn nicht weiter verfolgen zu können. Da merkte er, daß ihm die Röte in die Schläfen stieg, und das versetzte ihn in Zorn. Er machte eine heftige Bewegung zum Halse, der wie zugeschnürt war. Mit Anstrengung gelang es ihm, sich zu räuspern, aber den Blick vom Boden zu erheben vermochte er nicht.
Warum hatten auch die hoffärtigen Leute droben seine Großeltern einstens tödlich beleidigt! Solch eine Schmach darf nie vergessen werden, und wer lebte, mußte entweder die Schuld der Eltern bezahlen oder die Schmach vergelten. Ja! Die Mutter war im Recht, wenn sie ihnen mit Feindschaft begegnete. Unversöhnlicher Haß mußte jederzeit im Herzen lodern, in allen Winkeln der Räume seines Besitztumes lauern, von den Dachbalken herabblinzeln, über den Firsten der Gebäude schweben, und durch alle Arbeit und alles Leben auf dem Freihofe mußte sein Klang zittern. Das hatte schon sein Großvater mit seiner Verwünschung besiegelt.
Jetzt konnte Max den Blick wieder erheben und seine Mutter ansehen. Diese stand noch immer stumm vor ihm, die stahlgrauen Augen mit hartem Ausdruck auf den Sohn gerichtet.
Da überlief die Greisin ein heftiges Zittern; umsonst versuchte sie ein paarmal, zu sprechen, bis sie endlich mit gepreßter Stimme, rauh hervorstieß:
»Ich habe es ihm in der Sterbestunde geloben müssen, Max!«
Nach diesen Worten wandte sie sich ab, raffte Brille und Gebetbuch vom Tische auf und verließ das Zimmer.
Eine kurze Weile blieb Max auf seinem Platze stehen und sah nach der Tür, durch die die Freihoferin verschwunden war. Dann machte er eine kraftvolle Bewegung, gleichsam, als ob er eine drückende Fessel sprengen müsse und ging dröhnend im Zimmer auf und ab.