Aus diesem Hause trat soeben eine weibliche Gestalt heraus und lief mit eilenden Schritten durch den Schnee herüber nach der Straße. Der Wind spielte mit den Zipfeln des wollenen Tuches, das sie um Brust und Kopf geschlungen hatte und versuchte, es ihr zu entreißen. Aber sie bemerkte seine Anstrengungen und wickelte sich fester in das Tuch. Max bemühte sich, die Näherkommende in der sich niedersenkenden Dämmerung zu erkennen und trat von neuem dicht an das Fenster. Aber ihr Kopf war sorgsam eingehüllt, und das Tuch ließ das Gesicht nicht frei. Jetzt war sie am Fenster angekommen und wollte gerade vorübereilen, da riß ihr ein heftiger Windstoß das Tuch von der Stirn. Hastig griff sie danach, um das Gesicht wieder zu bedecken, – aber es war zu spät.
Max war mit einem schnellen Schritt vom Fenster verschwunden und zur Seite getreten. Aber er konnte die Augen nicht von der Gestalt losreißen, durch die Gardine hindurch schaute er dem rasch davon eilenden Weibe nach. Der kurze Augenblick, in dem ihr Gesicht unbedeckt gewesen war, hatte genügt, sie zu erkennen: es war Maria von Tiefenbach.
Diese überraschende Entdeckung ließ die während des ganzen Tages in seiner Seele im Schlummer gelegene Erregung mit einem Schlage hoch auflodern.
Das Mädchen, das seinen Geist in den letzten Wochen und besonders seit ihrer Begegnung am Morgen des heutigen Tages unaufhörlich beschäftigt hatte, befand sich jetzt plötzlich vor ihm, um freilich flüchtigen Fußes seinen Blicken alsbald wieder zu entschwinden.
Da wurde dem jungen Mann seltsam zumute, und wie im März unter dem linden Hauche der Frühlingswinde die Eisdecke auf den Bächen schmilzt, so brach in diesem Augenblick sein ohnehin schwacher Widerstand jäh zusammen, und in seiner Seele stieg das heiße Verlangen herauf, dem Mädchen nachzueilen und es zu zwingen, vor ihm stehen zu bleiben. War es Freude, sie, deren Bild ihn nie verließ, so überraschend vor sich zu sehen, oder war es Angst um ihre Gesundheit, die auf dem Spiele stand, wenn das Mädchen, nachdem sie wahrscheinlich ein paar Stunden bei den Kindern der Tagelöhnerin geweilt hatte, ins Schulhaus hinuntereilte, um wieder eine Nacht bei ihren Kranken zu durchwachen?
Max stand von neuem am Fenster und sah mit klopfendem Herzen dem Mädchen nach. Die Wange an das Holz des Rahmens gepreßt, bohrte er die Augen in die zunehmende Dämmerung hinein, um die Umrisse der Verschwindenden noch zu erkennen. Da machte er eine unwillkürliche Bewegung und stieß mit dem Arm an einen Menschen. Mit einem Ruck wandte er sich um, – und sah sich seiner Mutter gegenüber. Hoch aufgerichtet, in steifer Haltung, die Züge wie in Stein gemeißelt, verharrte die Freihoferin.
In tiefem Schweigen standen sich Mutter und Sohn gegenüber, jedes die Augen fest auf die des anderen gerichtet. Keines rührte sich, kein Wort klang, kein Versuch, auch nur die Lippen zu bewegen. Ein lähmendes Stillschweigen, das jetzt nach den Augenblicken hoher Erregung Max das Blut in den Adern fast stocken machte.
Lange konnte der Sohn den Blick seiner Mutter aber nicht ertragen, und er senkte die Augen zu Boden. Die Aufwallung, die sich vor wenigen Sekunden seiner bemächtigt hatte, verflüchtete langsam. Es war ihm, als wenn der Schwindel, der ihn gepackt hatte, nun wieder von ihm wich. Seine Pulse flogen nicht mehr wie vorhin, merkwürdig rasch kam unter dem Blicke des stummen Weibes ihm gegenüber seine kühle Überlegung zurück.
Was hatte sich zugetragen? Er konnte sich auf diese Frage nicht so rasch die Erklärung geben. Das Fräulein vom Schloß war draußen vorübergegangen, das sich wahrscheinlich zu den kranken Soldaten begab, und wohin es auch gehörte, nachdem es doch einmal den Beruf der Pflegerin bei ihnen erwählt hatte. Und er war hart an das Fenster getreten, um ihre Gestalt mit den Blicken zu erfassen – –?
Mit leisem Kopfschütteln beantwortete er sich diese Frage, eine andere Antwort wußte er nicht.