Aber die Freihoferin war nicht gewöhnt, über kleine Veränderungen im Wesen ihres Sohnes lange zu grübeln. Seine Seele lag von Kindheit an wie ein offenes Buch vor ihr, in dem sie Tag für Tag las, und sie wußte genau, was auf jedem Blatte geschrieben stand. Deshalb ließ sie schnell diese Gedanken fallen und wendete die Aufmerksamkeit wieder ihrer Arbeit zu.
Max war unterdessen über den Hof gegangen und in die große Scheune getreten, wo die Knechte in zwei Runden Weizen ausdroschen. Eine kurze Weile hielt er sich dort auf, dann ging er wieder zurück und schlenderte durch die Ställe. So lief er lange Zeit durch alle Wirtschaftsräume, Arbeit suchend und keine findend. Wenn er eine kleine Unregelmäßigkeit entdeckte, ward er ärgerlich und schalt die Mägde.
Im hintersten Stand hatte sich eine Kuh losgemacht und bog gerade zu einem Spaziergang in die Stallgasse ein, und wie er den Pferdestall betrat, fiel sein Blick auf die tragende Stute, deren Kette so lang gesteckt war, daß das Tier mit dem Maule bis zu dem hohen Streustroh herunter konnte und dieses fraß. Jeden andern Tag hätte er selbst Hand angelegt, um dem Mangel abzuhelfen. Heute rief er mit schallender Stimme nach dem Gesinde. Überall fand er zu verbessern und zu tadeln. Alles sah er, nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging seinem Auge. Und doch waren seine Gedanken nicht bei ihm, immer standen vor seinem Geiste die umflorten Augen eines schönen Mädchens.
***
Der kurze Januartag neigte sich seinem Ende zu. Max stand in der Stube an einem der Fenster, die nach der Straße lagen und blickte hinaus auf die beschneite Landschaft. Überall, wohin das Auge reichte, nichts als Schnee. Auf der Dorfstraße war eben der mit sechs kräftigen Gäulen bespannte Schneepflug vorübergegangen und hatte eine breite Bahn hinterlassen. Hüben und drüben türmte sich der Schnee hoch auf, der auch heute bis zum Nachmittag wieder unaufhörlich gefallen war. Jetzt hatte sich ein scharfer Wind erhoben, die oberste feine Schicht des Neuschnees vor sich hertreibend. Es war bitterkalt draußen, und der Himmel hing voll grauer Wolken. Die schwarzen Äste der breiten Buchen waren mit der weißen Masse dicht bedeckt, und jede der Zaunlatten trug ein hohes Häubchen davon.
Max beobachtete, wie sich ein einsamer Spatz dicht vor dem Fenster auf den Zaun niederließ. Das Tierchen guckte sich mit flinkem Drehen des Köpfchens nach allen Seiten ein paarmal um wie aber keiner von seinen, augenscheinlich schon zur Ruhe gegangenen Spießgesellen erschien, piepste es mit leiser Stimme einmal auf und flog dann davon. Ein winziges Häufchen Schnee fiel dabei vom Pfahl herunter.
Weit und breit war nichts Lebendes zu sehen. Die Natur verharrte in tiefem Schweigen.
Max sah nichts mehr von dem weißen Bilde. Er hatte den Kopf an die Scheiben gelegt und kühlte seine brennende Stirn.
Warum, so fragte er sich heute wohl zum hundertsten Male, läßt man die Lebenden entgelten, was die Toten versündigt haben. Dann stürmten wieder bittere Vorwürfe auf ihn ein, und in seiner Seele stieg von neuem ein müdes Frauenantlitz herauf, das seine von langen Wimpern beschatteten Augen stumm auf ihn richtete.
Da wurde der Träumende plötzlich abgelenkt. Vom Freihof ein Stück die Straße hinauf, drüben hinter dem schwarzen Dorfteich, stand ein kleines Häuschen, aus dessen Schornstein sich eine dünne Säule blauen Rauches wand. Dort wohnte eine arme, junge Frau, die kurz vor Weihnachten den Mann verloren hatte, mit ihren vier Kindern, von denen die ältesten zwei schwer am Keuchhusten litten.