Und während sich Max unaufhörlich mit dem Begebnis am Morgen dieses Tages beschäftigte, zog in seiner Brust, in der bisher im Leben die widerstreitenden Gefühle friedlich nebeneinander geschlummert hatten, in aller Stille ein Sturm herauf, der den starken Mann wie ein schutzloses Bäumchen auf einsamer Höhe schütteln sollte.
Der Anblick, den das Fräulein heute geboten hatte, stand Max in plastischer Deutlichkeit vor der Seele. Er sah wieder ihr bleiches Gesicht mit den müden Augen und dem Zuge von verhaltenem Schmerz, der sich um ihren Mund gelagert hatte, und wenn sie sprach, kostete es sie sichtlich Mühe, ihre zuckenden Lippen zu beruhigen. Jedem anderen Menschen, dessen Seelenschmerz sich ihm so offenbart hätte, würde er in reicherem Maße Trost zugesprochen haben. Das gebot ihm die Christenpflicht. Und in welch raschem Flusse gleiten erst die Worte vom mitfühlenden Herzen, wenn es gilt, einen edeln Menschen zu trösten, den der Kummer durch selbstlose Hingabe an Unglückliche überkommen ist.
Aber wenn immer er einem Leidenden das Herz erschließen durfte, hier durfte er es nicht! Diesem gemütvollen, erschütterten und doch willensstarken Mädchen gegenüber, zu dem ihn sein empfindsames Herz, ohne daß er widerstreben konnte, heute hingedrängt hatte, diesem Mädchen gegenüber mußte er seine Brust mit Eisen panzern. Denn sie war seine Feindin.
Max fuhr mit der Hand über die Stirn, als wenn er damit alle Unruhe verscheuchen könne, die ihn überfallen hatte. Seine Feindin, sagte er eben? Ja, war sie denn wirklich seine Feindin? Konnte das blasse, schöne Mädchen mit dem reichen Gemüt, das seine Kraft so bereitwillig in den Dienst der Leidenden stellte, und das der Tod eines ihrer Kranken so mächtig ergriffen hatte, wirklich etwas getan haben, daß ein Mensch auf der ganzen weiten Welt sagen durfte: Seht, das ist meine Feindin?
Und doch war er es, der sie Feindin nannte! Beging er damit nicht ein großes Unrecht? Hatte sie eine Mitschuld an dem ganzen unseligen Familienzwist? Warum vergalt man ihr, was ihr Großvater versündigt hatte? Mußte er als Christ diese Handlungsweise nicht als eine schwere Versündigung an einem unschuldigen Menschen bezeichnen, und warum lehnte sich nicht alles Gute in ihm auf gegen eine solche Tat?
Alle diese Fragen drangen zu gleicher Zeit mit Ungestüm auf Max ein, und sein sonst so ruhiges Denken geriet in arge Verwirrung. Daran, daß die Feindschaft, die die Freihofer gegen die Schloßleute unterhielten, berechtigt sei, hatte er noch nicht gezweifelt. Jetzt schien es ihm, als wenn eine Binde von seinen Augen fiele. Von allen Seiten kamen ihm plötzlich Zweifel über die Richtigkeit seiner tiefen Abneigung. Sie drangen auf seine Seele ein und vereinten sich zu der ernsten Anklage: Du hast denen droben auf dem Weißen Schlosse schon seit Jahren schweres Unrecht getan.
Max wußte nicht, wie ihm geschah. War es möglich, daß er in Zweifelsqualen darüber geraten konnte, ob seine Abneigung, sein feindseliges Gefühl gegen die Verwandten berechtigt sei?
Während des ganzen Tags war der Freihofer wie ein Träumer umhergegangen. Nach dem Mittagessen hatte er sich hinter die Wirtschaftsbücher gesetzt, aber die Arbeit wollte nicht vorwärts gehen. Der Kopf war ihm zu voll. Wenn er die schwarzen Zahlen betrachtete, schien es ihm, als wenn sie lebendig geworden wären, wunderliche Formen annähmen und durcheinander tanzten. Schrieb er sie nieder, so mußte er genau achtgeben, daß er nicht eine falsche Summe eintrug.
Da wurde er mit einem Male ärgerlich, denn er hatte in dem neuen Hauptbuch dem Händler Kornteuer die dreihundert Taler, die dieser noch vom Herbst her für Getreide schuldete, ins Haben anstatt ins Soll geschrieben.
Ärgerlich warf Max die Feder beiseite, klappte das Tintenfaß heftig zu und verließ das Zimmer. Seine Mutter, die am großen runden Tisch stand und von einem dicken Ballen Leinwand Stücke abschnitt, um daraus Hemden für die kranken Soldaten anzufertigen, hielt die Schere still und sah erstaunt dem Sohne nach. Was war es mit ihm? Es war ihrem scharfen Blicke nicht entgangen, daß er bereits seit einigen Tagen in sich gekehrt und zerstreut war. Abends, wen sie sich um die Lampe versammelt hatten, war er einsilbig gewesen. Anfangs hatte er oft und mit lebhaften Worten von seinen Kranken gesprochen, jetzt berichtete er nur noch kurz von ihnen. War er nicht mehr zufrieden? Was konnte es sein, das seinen Blick so versonnen machte?