Mit wachsender Teilnahme stand Max dem Fräulein gegenüber, denn er erriet, was in ihrem Innern vorging. Zu gleicher Zeit wußte er aber auch, daß sein sehnliches Verlangen, einen Blick hinter das ernste Antlitz dieses Mädchens zu tun, sich schon erfüllt hatte.

Da drang ihm plötzlich ein heißer Strom zum Herzen, den zurückzudämmen er sich anfangs bemühte, um sich im nächsten Augenblick aber dieser Weichheit in willenloser Freude hinzugeben. Denn was sich ihm hier offenbarte, war ein edles Frauengemüt! Rasch fand er die Erklärung für den großen Schmerz des Mädchens. Mit Hingabe hatte sie den Krieger nun fast zwei Wochen hindurch gepflegt, nicht der Anstrengungen achtend, die ihre Wangen hohl gemacht hatten. Unsägliche Freude hatte sie empfunden, als seine kräftige Natur in dem erbitterten Kampf mit der schweren Krankheit endlich die Oberhand gewann, und sie fühlte dadurch ihre heißen Bemühungen tausendfach belohnt. Schon sah sie, wie die Gesundheit in den erstarkenden Körper wieder einzog, – da begannen gestern Abend die Pulse von neuem zu hämmern, die Temperatur stieg bedrohlich und ohne einen Grund dafür erkennen zu lassen, stand wieder auf derselben Höhe wie in den Tagen der qualvollsten Zweifel, stieg darüber hinaus, – und dann mußte sie ohnmächtig zusehen, wie der eben wieder lebensfroh gewordene Kranke die Augen hilfesuchend auf sie richtete und mußte zulassen, daß der dem Tode kaum Entrissene dennoch sein Opfer wurde. In einer einzigen Nacht war ihre große Freude zu schwerem Kummer geworden.

So, fühlte er, hatte es sich zugetragen, und ihre Seele, die warme Nächstenliebe, Aufopferung und tiefes Mitgefühl anfüllte, hatte großen Schmerz erlitten.

Da konnte er seine Bewegung nicht mehr meistern: er trat zu der sich eben wieder von ihm wendenden Jungfrau, nahm ihre Hand in die seinige und sprach ihr mit teilnehmenden und tröstenden Worten sein Mitgefühl aus.

Das Fräulein war bei der Berührung ihrer Hand unwillkürlich zusammengeschreckt, aber sie hatte sie ihm doch willig überlassen und mit Verwunderung seinen Worten zugehört. Eine starke Blutwelle trieb wieder nach ihrem Kopfe und färbte ihre blassen Wangen dunkelrot, bis hinauf unter die schweren, braunen Zöpfe auf ihrem Haupte.

Langsam entzog sie ihm endlich ihre Hand und trat einen Schritt zur Seite. Dann sprach sie:

»Herr von Tiefenbach, ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme. Ich hatte sie nicht erwartet und konnte nicht ahnen, daß Sie meinen Schmerz erkennen würden. Der Tod dieses mir noch vor wenigen Wochen Unbekannten hat mich, wie Sie richtig erraten haben, schwer getroffen und mein tiefstes Bedauern wachgerufen. Er liebte das Leben und klammerte sich mit bewunderungswürdiger Zähigkeit daran fest. Und wie beglückt und dem Schöpfer dankbar er dem neuen Leben entgegenging! – Doch, Herr von Tiefenbach,« fuhr sie nach einer kurzen Pause der Sammlung in verändertem Tone fort, »eine Pflegerin darf nicht weich werden, sonst taugt sie nicht für ihr Amt. Voll Freude hatte ich dem Verstorbenen in seinen schweren Leidenstagen meine Kräfte gewidmet; er sollte nicht genesen. Jetzt gehört meine Kraft wieder den Lebenden!« Und mit dem stummen Gruße, mit dem sie sich sonst von ihm zu verabschieden pflegte, ging das Mädchen zu den Kranken.

Auf Max hatte dieser Vorgang tief eingewirkt. Das, was er bis zu dieser Stunde nur empfunden hatte, war mit einem Schlage Überzeugung: in diesem schönen Mädchen wohnte eine herrliche Seele, auf deren tiefsten Grund er soeben geschaut hatte. Durch die wenigen Worte, die er mit dem Fräulein gewechselt, fühlte er sich ihr innerlich nähergerückt. Es war, als wenn eine hohe Schranke, die bis heute zwischen ihnen aufgetürmt war, von Zauberhand beseitigt worden sei.

Wenn sich im Leben zwei Menschen dabei kennen lernen, daß ihnen ein Erlebnis von scheinbar geringer Bedeutung zustößt, das sie aber zwingt, sich gegenseitig einen vollen Einblick in das wie durch einen Blitzstrahl erhellte eigene Innere zu gewähren, und beide gleichzeitig erkennen, daß ihre Empfindungen und Anschauungen in der ihre Herzen berührenden Frage übereinstimmen, dann webt das Schicksal auch sogleich mit emsiger Hand geheimnisvolle Fäden von einem Herzen zum andern. Die Worte der Zurückhaltung und Förmlichkeit erscheinen ihnen nichtssagend und armselig, deshalb lassen sie den Zwang fallen und sprechen zueinander, als ob sie schon seit Jahren gute Nachbarn wären. Und doch waren sie sich noch vor einer Stunde fremd und hatten sich im Leben vielleicht noch niemals gesehen. Das kleine Ereignis aber hat beide menschlich so nahe gebracht, wie sonst nur Vertraute zueinander stehen. Jahrelang wandeln oft zwei Menschen nebeneinander dahin, ohne daß sie sich bis ins Innerste des Herzens hinein kennen lernen. Es bedeutet mitunter viel, einen Menschen so zu finden, denn die in solchen Stunden geschlossene Freundschaft dauert nicht selten bis über das Grab hinaus.

Max fühlte, daß dieser Vorfall imstande sein konnte, von großer Bedeutung für sein künftiges Geschick zu werden. Wären sie nicht feindliche Geschwisterkinder gewesen, so hätten sie in dem angeschlagenen vertraulichen Tone länger zusammen gesprochen, und des Mädchens Worte hätten wohl herzlicher geklungen. Aber so hatte, während sie miteinander sprachen, neben ihr der Schatten des Familienzwists, an seiner Seite der alte Haß gestanden, unter deren Eishauch die Herzlichkeit nach dem ersten Aufschäumen frostig wurde und sich alsbald in eine kaum zu verbergende Verlegenheit verwandelte. Und dadurch ward das aus dem Herzen freudig hervordrängende Gefühl getötet, noch ehe es der Mund in Worte prägen konnte.