Maria hatte sich nach ihren Worten wieder abgewandt und war zum Bett eines Kranken getreten, der mit heiserer Stimme zu trinken verlangt hatte. Behutsam setzte sie ihm das Glas an die Lippen, das er mit gierigen Zügen leerte.

Max wechselte mit den anderen Frauen noch ein paar Worte und verließ dann den Saal. Nach den Worten des Fräuleins vom Schlosse zu urteilen und nach dem, wie er sie hatte walten sehen, würde sie eine vortreffliche Pflegerin sein. Wenn die beiden andern ihre Aufgabe ebensogut erfüllten, dann waren die Kranken in den besten Händen. Deshalb war es ein Gewinn für die Sache, daß sich das Fräulein der Pflege angenommen hatte. Und doch wünschte Max das Mädchen vom Krankensaale weit weg!

Daß er denen vom Schloß nicht für immer so ausweichen konnte, wie es ihm bisher gelungen war, damit hatte er schon gerechnet, daß er aber so unerwartet mit einem von ihnen in Berührung treten sollte, und noch dazu, wie er voraussah, öfters, das behagte ihm nicht. Obendrein hatte dieses Mädchen etwas an sich, das ihn aus seiner gleichmäßigen Ruhe bringen konnte. Und von neuem stand ihm die Erscheinung vor Augen. Mit welchem Anstand sie ihr Haupt zum Gegengruß geneigt hatte, und in welch ruhigem Gleichmaß sie sprach. Noch jetzt, meinte er, hafte der Blick aus ihren großen Augen auf ihm.

Ein paarmal während des Tages verfiel Max in tiefes Nachsinnen. Unwillkürlich schweiften seine Gedanken von der Arbeit weg, und er überraschte sich dabei, daß er die Hände müßig hielt und sich willig der Erinnerung an die Begegnung überließ. Des Mädchens hohe Gestalt, der lange Blick ihrer Augen die wohllautende Stimme und endlich die Sicherheit, die aus ihren Worten klang, hatte einen nachhaltigen Eindruck auf den jungen Mann ausgeübt. Er fühlte ein fast unbezähmbares Verlangen, einen tiefern Blick in die Seele dieses schönen Mädchens zu tun. Aber um dies zu erreichen, hätte er sich ihr mehr nähern müssen, als es ihm, der Pflegerin inmitten ihrer Kranken gegenüber, möglich war. Und das durfte er nicht!

Maria von Tiefenbach war seine Anverwandte, denn sie waren ja Geschwisterkinder. Aber er durfte nicht vergessen, daß sich ein tiefer Abgrund zwischen ihnen hinzog, über den hinweg nimmermehr eine Brücke geschlagen werden konnte. So lange es die beiden Familien vom Freihofe und vom Schlosse geben würde, so lange würde auch die Kluft bestehen. Das war für alle Zeiten bestimmt, und niemand durfte sich vermessen, an diesem Spruch zu rütteln. So hatte es sein Großvater gewollt, nachdem der eigene, hochmütige Bruder die Auserwählte seines Herzens beschimpft hatte. Des jungen Freihofers empfindlicher Stolz bäumte sich hoch auf, wenn er an das schwere Unrecht dachte, das seiner Großmutter von denen droben einst zugefügt worden war.

Und selbst dann, wenn es ihn mit unwiderstehlicher Macht zu dem Fräulein hinziehen würde, – wie wäre es ihm möglich, vor seine Mutter zu treten und ihr zu sagen, daß er wieder Freundschaft schließen wolle mit den Leuten vom Schlosse? Würde er dergestalt seine alte Mutter nicht verraten? Sie, die er mit der zärtlichsten Liebe umgab, die ein Kind für seine Mutter nur empfinden kann! Freilich lagen seine Gefühle nicht auf der Zunge, denn beider Naturen waren hart und nicht für den offenen Austausch von Liebeszeichen geschaffen. Aber wie es Max jeden Tag von neuem fühlte, daß ihr rauhes Äußere nur die Glut ihrer mütterlichen Empfindungen für ihre beiden Kinder verbarg, wußte er, daß die bedingungslose Ehrfurcht und Unterwerfung vor ihr und die fast abgöttische Liebe zu seiner Mutter die stärksten seiner Gefühle waren, die ihn jemals bewegen konnten und die in seine Seele unlösbar hineingewoben waren. Deshalb konnte von einer Annäherung zu den Verwandten niemals die Rede sein, wenn nicht seine Mutter selbst den Wunsch dazu aussprechen würde. Aber dieser Umschwung würde in ihrer Seele nie eintreten. So glühender Haß erlischt nur mit dem Tode dessen, der ihn mit sich herumträgt.

Und selbst wenn in seiner Mutter der Wunsch dazu rege würde, dürfte sie es dennoch nie tun! Als sie vor Jahren ihm, dem Knaben, die Feindschaft zu den Schloßleuten ins Herz gepflanzt, da hatte sie ihm zuletzt anvertraut, gleichsam als wolle sie ein blutigrotes, brennendes Siegel unter ihre Worte setzen, daß sie ihrem sterbenden Vater unversöhnliche Feindschaft denen im Schlosse gegenüber in die Rechte gelobt habe.

Aus allen diesen Gründen unterdrückte Max seinen Wunsch das Fräulein näher kennen zu lernen. Vielleicht würde er, wenn es geschah, nur einen Widerstreit seiner Empfindungen heraufbeschwören, und es würde ihm dann gewiß schwerer werden als heute, das so schnell erwachte Interesse für dieses ungewöhnliche Mädchen wieder zu verlieren und den Eindruck zu verwischen, den es auf ihn ausgeübt hatte.

Während der folgenden Tage betrat Max wiederholt die Krankenzimmer und mußte von neuem Gelegenheit nehmen, mit Maria von Tiefenbach zu reden. Sie sprach unbefangen, ihre Stimme dämpfend und begleitete ihre Worte mit ausdrucksvollen Bewegungen der Hand. Was sie ihm über den Zustand der Kranken zu berichten hatte, sagte sie in knappen Sätzen. Teilte sie ihm Erfreuliches mit, so blieb sie dennoch ernst, nur in dem aufleuchtenden Blick ihrer Augen konnte Max ihre Freude lesen. War hingegen Schmerzliches zu berichten, so erriet er dies schon, bevor sie begann, an ihren umflorten Augen. Sie vermied es ängstlich, sich ihm gegenüber weich oder erfreut zu zeigen und schien ihm im stillen dafür dankbar zu sein, daß er ihr weder tröstende, noch Worte der Anerkennung sagte. Selbst als sie ihm eines Morgens mitteilen mußte, daß ein junger bayerischer Dragoner, den sie, wie er wußte, Tag und Nacht in unermüdlicher Sorgfalt gepflegt, und der ihr durch die endlich herannahenden Zeichen seiner Genesung viel Freude bereitet hatte, infolge eines plötzlichen Rückfalls in der verflossenen Nacht gestorben war, fügte sie ihrer Meldung keine weiteren Worte hinzu.

Max vermochte nicht sein Mitgefühl zu unterdrücken, das in ihm emporkam, als er in diesen Augenblicken das Mädchen betrachtete. Ihre Wangen waren von den ungewohnten Anstrengungen der letzten Tage, besonders aber von den vielen Nachtwachen bleich geworden, und ihre Haltung war die eines müden Menschen. Außer den Anzeichen großer Abspannung lag auf ihrem Gesicht tiefe Ergriffenheit. Er sah, wie sie sich fast Gewalt antun mußte, um bei ihren Worten nicht in Tränen auszubrechen.