Und was tat es denn überhaupt wenn er blieb? Standen sie beide in diesem Augenblick nicht in einem höhern Dienste, in dem der Nächstenliebe? Durfte er jetzt Zwist und Abneigung vorschützen, um mit dem Mädchen nicht nebeneinander arbeiten zu müssen? Steht die Pflicht zur Barmherzigkeit nicht so unendlich hoch, daß selbst Feinde zusammen an ihr arbeiten dürfen? Er würde sich engherzig und klein schelten und seiner Standpunkt als niedrig bezeichnen müssen, wenn er hier auswich. Deshalb mußte er bleiben. Sein innerer Mensch wurde nicht betroffen, der konnte der alte bleiben. Aber die Kraft dem leidenden Nächsten zu widmen, auch unter diesen unbequemen Umständen, forderte einfach seine Ehre.

Diese Gedanken, die in schnellem Fluge durch Maxens Seele zogen, verrieten sich auf seinem Gesicht nur zu deutlich, daß das vor ihm stehende Mädchen sie nicht hätte erraten müssen. Aber auch sie kämpfte mit ihrer Verlegenheit.

Da überkam den jungen Mann plötzlich die Eingebung, daß er den Anstand verletze, wenn er jetzt nicht das peinvolle Schweigen breche. Langsam schritt er deshalb auf das Mädchen zu und indem er sich bemühte, unbefangen zu bleiben, sagte er:

»Es ist ein schwerer Beruf, den Sie gewählt haben, aber viel Dank wird Ihnen dafür werden.«

Sie schwieg eine kurze Weile, dann richtete sie ihre großen, blauen Augen fest auf ihn und sagte mit wohllautender, tiefer Stimme:

»Dem leidenden Nächsten zu helfen ist Menschenpflicht. Der beste Lohn dafür ist die Befriedigung, die tief im Herzen quillt und die froher macht als der Dank.«

»Sie haben recht,« erwiderte Max, »diesen Beweggrund soll auch der Mensch für seine guten Taten haben, denn so hat es uns schon der große Nazarener gelehrt. Aber haben Sie die Aufgabe, der Sie sich freiwillig und gewiß mit vielem Eifer unterziehen wollen, auch nicht unterschätzt? Dieser Beruf wird Anstrengungen und Entbehrungen von Ihnen fordern, die Sie vielleicht nicht voraussahen, und die fast die Kraft eines Mannes erfordern.«

»Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, Herr von Tiefenbach,« fiel Maria ihm ins Wort, »ich bin von Jugend auf dazu angehalten, mein Tun nicht unüberlegt zu beginnen. Aber weshalb zweifeln Sie daran, daß ich nicht ebensogut wie andere Frauen imstande sein werde, diesen Unglücklichen Trost und Hilfe zu gewähren? Zu meinem Bedauern habe ich bis jetzt keine Gelegenheit gefunden, meine Kraft in Dienste des Vaterlands zu gebrauchen und dies zu einer Zeit, zu der es nicht genug hilfsbereite Hände geben kann. Jetzt ist mir die Gelegenheit geworden, und wenn ich auch tausendmal lieber diese Kranken gesund wüßte, so bin ich doch froh, daß sie sich gerade hier befinden und ich mich ihrer annehmen kann. Nach der Schwere der Bürde, die einem das Amt bringt, fragt man nicht lange, frisch zugreifen und unerschrocken den Schwierigkeiten, die sich in den Weg legen, entgegengehen, ist doch immer das Richtige. Mag der Mann draußen auf dem Felde der Ehre sein Alles einsetzen, uns Frauen soll er in Räumen wie diesen walten lassen, damit auch wir Gelegenheit haben, unser Teil beizutragen zu dem großen Werke. Wir sind dazu berufen, die geschlagenen Wunden zu heilen und die Schmerzen zu lindern, die der unerbittliche Krieg verursacht.«

Das Mädchen hatte die Worte in edelm Feuer gesprochen, und die Begeisterung, die in ihr glühte, übergoß ihr schönes Gesicht mit einer feinen Röte. Jetzt, nachdem sie geendet, fühlte sie, daß sie vielleicht zu viel gesprochen hatte und fast in Erregung gekommen war. Sie bereute ihre Worte und verstand es nicht, wie die Begeisterung für ihr Vorhaben sie so mit sich fortgerissen hatte.

Max konnte nichts antworten, was hätte er dem Mädchen nach diesen Worten auch sagen sollen. Überrascht stand er vor der Jungfrau, bei der sich Schönheit mit Anmut und Klugheit mit Gemüt vereinigten.