Max ging nach dem Gasthof, da er wissen wollte wie es nun darin aussah, ob man für die Zubereitung der Speisen für die Kranken ausreichend gesorgt hatte und schließlich, ob genug Pflegerinnen bestellt wären
Als er über den Platz vor dem Gasthof schritt, standen ein paar Geschirre vor dem Hause. Die Pferde hatten die Krippen vor sich und fraßen bedächtig, während die Besitzer in der Gaststube weilten. Im Hausflur angekommen, unterschied er drinnen einige bekannte Stimmen, unter denen er auch die des Gemeindevorstands erkannte, der froh sein mochte, der größten Sorge ledig zu sein. Max schritt auf die Tür zu, besann sich aber sofort eines anderen und wandte sich wieder um. Langsam stieg er die Treppe hinauf, um sich vorher die Unterbringung der Kranken anzusehen.
In dem geräumigen Saale waren an den beiden Längsseiten die Betten mit geringen Abständen von einander aufgestellt, daß die Kranken mit den Füßen nach dem in der Mitte entstandenen, breiten Gang zu lagen. Die hölzernen Bettgestelle waren ungleich lang und breit und die Bezüge verschiedentlich bunt gestreift oder gewürfelt, wie sie die Bauern aus ihren Haushaltungen zusammengetragen hatten. Einige der Kranken schliefen, andere lagen wachend in den Kissen, und hier und da warf einer in starkem Fieber unruhig den Kopf hin und her.
Drei Frauen gingen geräuschlos ab und zu oder bemühten sich um die Kranken. Die erste, die Max am nächsten stand, war eine alte Auszüglerin, die gewöhnlich im Dorfe die Kranken wartete, und in einer andern erkannte er die Frau des Schullehrers. Die dritte kehrte ihm den Rücken zu und beugte sich gerade tief auf das Bett eines Fiebernden nieder und hielt diesem ein Glas Wasser an die Lippen.
Max wußte nicht, wer diese Pflegerin war, aber ihre Erscheinung fesselte sofort seinen Blick, so daß er die Augen auf der hochgewachsenen Gestalt ruhen ließ. Sie trug ein dunkelblaues, eng anschließendes und ganz einfach gearbeitetes Wollkleid, und ihr volles braunes Haar war mit einem weißen Leinenhäubchen bedeckt. Er sann nach, wer die Unbekannte sei, aber keines der Mädchen im Dorfe glich ihr.
Sein Verlangen, ihr ins Gesicht zu sehen, wuchs, als er bemerkte, wie geschickt und zugleich schonend die Pflegerin den Kranken aufrichtete, das Kopfkissen aufschüttelte und dann den alten französische Soldaten wieder sorgfältig darauf bettete. Nun ging das Mädchen von dem Bett weg und wandte sich um, und gleichzeitig mit dieser Bewegung begegneten ihre Augen seinem Blicke.
Max war derart betroffen, daß er schweigend und wie angewurzelt auf seinem Platze stand, und es wollte ihm selbst nicht gelingen, seinen Blick von ihr zu wenden. Diese hätte er hier nicht vermutet, und aus diesem Grunde konnte er seiner großen Verlegenheit nicht so leicht Meister werden. Denn das Mädchen, dem er gegenüberstand, und das unter seinem langen Blicke in leichte Verwirrung geriet, war Maria von Tiefenbach.
Noch nie hatten sich die beiden so nahe gegenüber gestanden. Sie waren fast unbewußt jederzeit von dem gleichen Wunsche beseelt gewesen, eine nahe Begegnung zu vermeiden, und schon von weitem hatten sie bisher beim Sichtbarwerden des andern unverfänglich einen Seitenweg eingeschlagen. Und so war es gekommen, daß ihnen ein dichtes Aneinandervorübergehen trotz der engen Verhältnisse im Dorfe bis heute erspart geblieben war.
Max hatte die Abneigung gegen die Leute vom Schlosse mit der Muttermilch eingesogen, und in späteren Jahren war es wieder die Freihoferin gewesen, die dieses unbewußte Gefühl zu einem bewußten und trotzigen Haß gegen die Verwandten vertieft hatte. Wie die Mutter, sah auch er in den Schloßbewohnern herrische und hochmütige Menschen, die den Zweig der Familie, der in das Dorf hinabgestiegen war, verachtete, und von denen einer die teuere Verstorbene beschimpft hatte. Deshalb war der junge Mann, als er sich dem Mädchen unvermutet und zum ersten Male so nahe gegenübersah, betroffen.
Blitzschnell erwog er, wie er jetzt am richtigsten zu handeln habe, um die, beide beklemmende Situation zu beenden. Den Rücken wenden und hinausgehen, das konnte er nicht, denn er war ja gekommen, um sich zu erkundigen, ob es noch an etwas fehle, und diese Absicht mußten die beiden anderen Pflegerinnen schon bei seinem Eintreten erkannt haben. Dazu hatte er beim Verrichten des ganzen Samariterwerkes allzusehr in vorderster Linie gestanden, und vermutlich hatte der Gemeindevorstand die Frauen auch schon angewiesen, sich an ihn zu wenden, wenn an etwas Mangel einträte. Und dann müßte er alle Höflichkeit unbeachtet lassen, die man fremden Menschen und selbst denen schuldig ist, deren Gesellschaft man meidet. Sein rücksichtsloses Fortgehen würde die Jungfrau tief verletzen.