Mit den letzten Worten, mit denen der würdige Greis seine Predigt beendigte, richtete er noch den zündenden Ruf an seine Gemeinde, die christliche Liebe, die der mächtige Beweggrund dafür sei, den leidenden Fremdlingen Gutes zu tun, auch täglich untereinander zu üben. Und er legte ihnen ans Herz, vorhandenen Zwist zu begraben, sich auszusöhnen und einander in verzeihender Liebe zu begegnen. Dann genössen die Menschen schon hienieden das Vorgefühl der ihrer harrenden ewigen Freuden und erwiesen sich als getreue Nachfolger Christi und wert der einstigen Einkehr in sein himmlisches Reich. –

Das Schlußlied war verklungen, und die Besucher verließen das Gotteshaus.

Als Max zusammen mit Elisabeth aus der Andachtsstube hinaustrat, fiel sein Blick auf die weit geöffnete Tür, die den Gang teilte, und die er noch nie anders als geschlossen gesehen hatte. Aber seine Überraschung wuchs, denn vor ihm stand Maria von Tiefenbach, die sie beide erwartet haben mußte. Ängstlich griff Elisabeth nach der Hand des Bruders, als ob sie ihn auf dieser Stelle festhalten wolle, während sie erstaunt auf ihre Freundin schaute.

Max hatte einen Augenblick betroffen stillgestanden, jetzt aber machte er eine hastige Bewegung zum Gehen. Da vertrat ihm Maria gelassen den Weg, so daß sich beide dicht gegenüberstanden. Eine Sekunde tiefen Schweigens verstrich, dann begann Maria ohne Verwirrung und mit Festigkeit:

»Unter dem tiefen Eindruck stehend, den die unmittelbar zum Herzen gehenden Worte unseres verehrten Herrn Pastors auf mich hervorgerufen haben, kann ich nicht anders, als annehmen, daß die Predigt auch auf Sie, Herr von Tiefenbach, eine große Wirkung ausgeübt hat. Noch nie in meinem Leben haben mich von der Kanzel herabgesprochene Worte so wundersam ergriffen, wie heute, Worte, die in meinem Innern das sehnliche Verlangen wachgerufen haben, meinen Teil dazu beitragen, daß der Wille dessen, der die Sünden der Welt trug, erfüllt werde. Deshalb will ich den Augenblick nutzen, bevor mit der hohen Stimmung auch mein Mut dahinschwindet.

Ich bin ein schwaches Mädchen, das plötzlich die wunderbare Kraft in sich spürt, sich Ihnen hier gegenüber zu stellen. Aber Sie haben mir vor wenigen Tagen durch Ihren freundlichen Trostzuspruch verraten, daß Sie ein edles Herz besitzen. Dieses Bewußtsein und eine Stimme in meinem Innern, die mir so zu handeln gebietet, stärken meinen Mut.

Etwas Unnatürliches ist es, daß Menschen in Feindschaft leben, die einander nie etwas zu Leide taten. Und deshalb frage ich Sie, Herr Vetter, sind Sie bereit, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinen, um unsere Eltern miteinander auszusöhnen?«

Die dem Mädchen innewohnende, ruhige Sicherheit hatte sie während dieser Rede nicht verlassen, und ihre Stimme hatte nicht einen Augenblick gebebt. Jetzt schwieg sie und wartete auf Maxens Antwort, ihre Augen forschend auf seinem Gesichte ruhen lassend.

Der junge Mann stand vor Überraschung unbeweglich und starrte sprachlos in das schöne Frauenantlitz, in dem kein sichtbares Merkmal die in Marias Innern langsam aufsteigende, große Erregung andeutete.

Da erhob sie ihre Stimme von neuem, die gerade noch so wohl lautete wie vorhin, obwohl sie jetzt leise zitterte: