»Von einem unserer Familie wurde damals das böse Wort gesprochen, deshalb muß auch von uns aus das erste versöhnliche Wort fallen. Mein Großvater hat dereinst in unbegreiflicher Verblendung die Seelen guter Menschen tief betrübt und erzürnt. Er kann uns hierüber keine Rechenschaft mehr ablegen, denn er steht schon längst vor einem höhern Richter. Kein Unrecht, das begangen wird, ist jedoch so groß, daß es nicht wieder gutgemacht werden könnte. Aber dem bittenden Munde darf auch das Wort, der heischenden Hand der Druck nicht versagt werden. Das Werk, das wir verrichten können, führt zu Herrlichem hinaus, denn es gilt, die Kluft zwischen den Herzen unserer Eltern zu überbrücken. Um das zu erreichen tut es aber not, daß zuerst wir beide allen Groll vergessen. Und so tue ich, als die Enkelin jenes Mannes, mit Freuden den ersten Schritt zur Versöhnung, indem ich Sie, Herr Vetter, bitte, das Unrecht meines Großvaters seiner Enkelin nicht mehr zu entgelten, sondern mir fürs Leben Ihre Freundschaft zu schenken.«
Marias Stimme hatte sich mehr und mehr gesteigert. Eine liebliche Röte war in ihre Wangen getreten, und die Augen glänzten gleichsam als Widerschein der sie erfüllenden, feierlichen Stimmung. Und um die Freundschaft im Augenblick der Versöhnung zu besiegeln, streckte sie dem Vetter ihre Hand entgegen.
Der aber rührte sich nicht, um die dargebotene Hand zu ergreifen. Er suchte nach Worten, mit denen er dem Mädchen sagen wollte, daß von einer Versöhnung zwischen ihnen niemals die Rede sein könne, aber sein Mund blieb stumm.
Endlich, nach atemlosem Harren während einer tiefbangen Sekunde, erlosch der Glanz in Marias Augen, und die rosigen Wangen wurden blaß. Langsam, wie einst die Rechte des Herrn Oskar, als er seinem Bruder Udo zum letzten Male gegenüberstand, sank die ausgestreckte Hand herab.
Jetzt drängten sich auch die Worte im Überschwall auf Maxens Zunge; aber noch bevor es ihm gelang, sie auszusprechen, geschah etwas Unerwartetes:
Maria richtete sich hoch auf. Mit einem Ruck warf sie den Kopf in den Nacken und trat ungestüm auf Max zu, daß dieser unwillkürlich soweit zurückwich, bis seine Schultern die Mauer berührten. Ihr flammendes Gesicht befand sich dicht vor ihm, und ihre blitzenden Augen bohrten sich in die seinigen. In hoher Erregung stieß sie die Worte hervor:
»So soll für alle Zeiten Feindschaft zwischen uns bestehen? Soll das herrliche Evangelium der Liebe, das Christus den Menschen hinterlassen hat, für uns nicht gepredigt sein?«
Aber Maxens Mund blieb dem vor Leidenschaft bebenden Mädchen gegenüber stumm, nur auf seinem Gesicht lag eine Zurückweisung.
Da trat Maria noch näher an ihn heran, ihr Busen hob und senkte sich in hastiger Aufeinanderfolge. Max sah auf ihrem Gesicht den heftigen Kampf, der in ihr tobte. Die feingeschnittenen Nasenflügel zitterten vor Zorn, und er fühlte ihren heißen Atem auf seiner Wange.
Scheu schob er sich einen Schritt an der Mauer hin, um sich zu entfernen. Da schrie das Mädchen im Schmerz laut auf, und während es noch schien, als wenn sie die Worte auf den Lippen zurückhalten könne, brach es schon von dem bebenden Munde: