»Und wenn ich nun mit der ganzen Kraft meiner Seele – – Dich liebte, Max!?«
Einen Augenblick lang lehnte der junge Mann den Kopf an die Mauer und schloß, von heftigem Schwindel erfaßt, die Augen. Dann hob er die Lider ließ einen Blick eisiger Kälte auf das Mädchen niederfallen und sagte in rauhem Tone:
»Unsere Familien haben für alle Zeiten nie wieder etwas mit einander gemein!«
Darauf wandte er sich trotzig ab und schritt dem Ausgang zu, seine verstört blickende Schwester an der Hand mit sich ziehend.
Die Zurückbleibende verfolgte die Geschwister mit den Augen, bis sie verschwunden waren. Langsam, und ohne daß sie wußte was sie tat, trat Maria wieder in ihr Betstübchen. Eine Weile blieb sie mit steifem Körper mitten darin stehen, dann brachen der Zitternden die Knie. Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und legte es auf den Sitz eines der schwarzen Stühle. Und während das wilde Schluchzen hervorbrach, das ihr die Brust zu zersprengen drohte, schlangen sich zwei weiche Arme um ihren Hals, und die beiden Mädchen weinten lange zusammen.
8. Kapitel.
Wenige Tage später wurden die Tiefenbachs durch einen Brief Friesens überrascht, in dem er schrieb, daß er, wenn auch ein wenig mitgenommen, so doch ohne Schaden an Seele und Körper aus Rußland zurückgekehrt sei. Gleichzeitig kündete er seinen Besuch an, und bald darauf traf er auch in Rehefeld ein und wurde auf dem Freihofe wie ein alter, lieber Freund begrüßt. Trotzdem er an allen größeren Schlachten, in denen die Sachsen gekämpft, teilgenommen hatte, war er unverwundet geblieben. Aber der entsetzlichen Kälte hatte er, wie so viele tausend Andere, doch seinen Tribut zollen müssen: beide Füße waren ihm erfroren. Deshalb konnte er nur mit Mühe kleine Fußwanderungen unternehmen.
Was er von den überstandenen Leiden der Armee erzählte, war so fürchterlich, daß man glauben konnte, eine überhitzte Phantasie trage das Entsetzlichste von Elend und Jammer zusammen.
Die Soldaten hatten vor dem Sterben jegliche Bangigkeit verloren. Täglich hofften sie, daß ein baldiger Tod sie von ihren nicht endenwollenden Leiden erlösen würde, und wenn die Unglücklichen am Abend vor Hunger und Mattigkeit zusammenbrachen, trösteten sie einander, daß der morgende Tag die ersehnte Erlösung bringen müsse. Eine große Anzahl suchte das Ende freiwillig und fand es nur zu leicht. Die noch in Reih und Glied sich Haltenden liefen willenlos vorwärts. Wer vor Müdigkeit oder Schwäche zusammensank, blieb liegen; keiner kümmerte sich um den andern. Zu beiden Seiten der Straße lagen die Zurückbleibenden.
Mit dem Rücken an einen dicken Baumstamm gelehnt, saß auf einem Stein ein eisgrauer französischer Oberst. Er hatte in gänzlicher Umnachtung seiner Sinne die dürftigen Reste seiner Uniform abgelegt und saß nun in der schneidenden Kälte entkleidet und sang mit versagender Stimme religiöse Lieder. An einer andern Stelle lag, zur Seite eines gestürzten, von Zeit Zeit noch zuckenden Pferdes, ein toter preußischer Kürassier. Die Köpfe der beiden Kameraden waren eng aneindergeschmiegt. Ein Stück davon stand aufrecht an einem zerbrochenen Pulverkarren ein Trainsoldat, beide Arme auf den Munitionskasten gestützt und darauf den Kopf gelegt, als wenn er schliefe. Einige Soldaten traten hinzu, um das Holz für ihr Biwakfeuer zu holen. Da stieß einer von ihnen den Schlafenden an, daß dieser seinen Halt verlor und, ohne seine Stellung aufzugeben, mit den Armen unter dem Kopf der Länge nach hinschlug. Er war tot und so steif gefroren wie ein Pfahl.