Um einen verbrannten Holzstoß, von dem nur noch die Aschereste übrig geblieben waren, lag und saß in wunderlichen Stellungen und in Gruppen vereinigt etwa ein Dutzend sächsischer Grenadiere. Mit dem verglommenen Wachtfeuer war auch ihr Lebensfunke erloschen. In der Asche eines andern Feuers lag ein Soldat, dessen beschmutzte und zerrissene Uniform, soweit sie noch vorhanden war, nicht mehr erkennen ließ, woher der Mann stammte. Er mußte sich am Abend vorher verzweiflungsvoll in die Flammen geworfen haben. Sein Kopf war schwarz wie Holzkohle und dort, wo ihn das Feuer erfaßt hatte, war das Fleisch bis auf die Knochen verbrannt.

Wer aus dem Zuge der Marschierenden heraustrat, fand oft nicht mehr Willen und Kraft wieder vorwärts zu gehen. Wer sich auf den Grabenrand setzte, um nur wenige Minuten auszuruhen, wurde leicht von der unwiderstehlichen Müdigkeit überwältigt und verfiel in bleiernen Schlaf, aus dem er nicht wieder erwachte.

Der Hunger war gräßlich. Zuerst wurden die gestürzten Pferde verzehrt, später tötete man die lebenden und aß sie auf. Ihr Blut wurde begierig aufgesogen, um den brennenden Durst zu stillen. Als es keine Pferde mehr gab, aß man die ekelerregendsten Dinge. Wasser war selten zu bekommen, deshalb verschluckte man Schnee, der den Durst nur noch steigerte.

Der Kälte konnten sich die Unglücklichen kaum noch erwehren, da die Uniformen zu dünn waren und bald zerfetzten. Wer eine Decke, ein Tuch, selbst Frauenkleider bekommen konnte, schlang sie um die Blößen. Die Schuhe zerweichten in dem tiefen Schnee, durch den man täglich waten mußte. Dann wurden die mit brandigen Wunden bedeckten Füße mit Lumpen umhüllt und diese mit Stricken festgehalten.

Während der Nacht steigerte sich die Kälte. Wer am Wachtfeuer lag, dem konnte es passieren, daß die Schuhe verbrannten, während ihm am anderen Morgen Ohren, Nase und Wangen erfroren waren. Gar mancher von denen, die sich am Abend niederlegten, stand nicht wieder auf.

Auf den weiten Schneefeldern Rußlands lag die Blüte der Völker Europas im ewigen Schlaf! Lautlos deckte sie das flockige Leichentuch zu und begrub Freund und Feind unter sich. Viele tausend lebensfroher und kraftstrotzender Männer haben dort frühzeitig ihr Knie gebeugt vor der Majestät des Todes, und dem Zuge der Lebenden jagten Krankheit, Mutlosigkeit und Verzweiflung wie wilde Furien hinterdrein und peitschten die Unglücklichen so grausam, daß ihre Reihen immer lichter wurden.

Friesen befand sich in großer Verstimmung gegen den Kaiser, dem er alle Schuld an dem fürchterlichen Elend zuschob. Er erzählte, wie sich in Dresden insgeheim unter den Offizieren eine Partei gebildet habe, die nichts anderes bezwecke, als den König vom Kaiser Napoleon loszureißen. Der Monarch solle, so wünschten diese Patrioten, die Fesseln brechen, die ihn an den Kaiser ketteten. Sie wollten ihm freie Wahl schaffen, ob er weiterhin dem Kaiser seine Unterstützung gewähren, oder ob er seine Truppen von den Franzosen zurückziehen wolle.

Den Bemühungen dieser Partei wurde aber wenig Beachtung geschenkt. Der König selbst war weit davon entfernt, in dem Gottesgericht in Rußland eine Mahnung zu erkennen und sein Verhalten gegen den Kaiser ernstlich zu prüfen. Er war in großer Sorge, daß sein Schmerzenskind, das Herzogtum Warschau, in der hereinbrechenden Verwirrung ihm verloren gehen könne. Deshalb erließ er in Polen Aufrufe, die sich aber bald als nutzlos erwiesen, und die in dem Minister Senfft den nicht zur Ausführung gekommenen Gedanken reifen ließen, England für die Aufrechterhaltung des Herzogtums zu interessieren.

Die Erkenntnis aber, daß König und Regierung seit Jahren eine falsche Politik getrieben hatten, deren verhängnisvolle Folgen sich in nicht zu ferner Zeit erweisen würden, schlug in dem sächsischen Volke immer tiefer Wurzel. Hier und da erhoben Männer, die mit seherischem Blick in die Zukunft schauten, warnend ihre Stimmen und verlangten, daß der König die Kriegsmüdigkeit des Landes Napoleon auf das entschiedenste darstellen solle.

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