Niemand im Dorfe beobachtete die politischen Vorgänge mit so großer Aufmerksamkeit, wie Konrad Hartmann. Jede Nachricht, die er über den Kaiser und die Ereignisse in Dresden bekam, erregte sein Interesse, und um Neuigkeiten zu erfahren, ritt er zuweilen weit über Land in die Nachbardörfer oder fuhr im leichten Schlitten nach Leipzig hinein. Es war ja Winter, und deshalb bot der Hof nur wenig Arbeit. In der Scheune waltete der alte Knecht, und die Sorge um die Wartung des Viehs ließ sich die Mutter einmal nicht nehmen.

Besonders begierig war Konrad Hartmann darauf, Nachrichten aus Berlin zu erhalten. Dort gährte es gewaltig, denn man ahnte, daß der Jahreswechsel einen Wendepunkt von ungeheurer Wichtigkeit für die Geschicke der geknechteten Völker bedeute. Seitdem der preußische General York am 30. Dezember in Tauroggen den Neutralitätsvertrag mit den Russen abgeschlossen hatte, waren viele unerschrockene Männer im verborgenen an der Arbeit, Stimmung für eine Erhebung Preußens zu machen.

Da faßte Konrad den Gedanken, nach Dresden zu gehen, um sich der nationalen Bewegung anzuschließen, die, wie er wußte, auch schon dort Wurzel geschlagen hatte. Freilich war die Begeisterung an der Elbe nur wie ein mattbrennendes Talglicht, im Vergleich zu den kaum noch niederzuhaltenden Flammen in Preußens Hauptstadt.

Dem Sachsen der damaligen Zeit wird nicht mit Unrecht der Vorwurf gemacht, daß trotz fortwährender Vorstellungen aus Berlin, die Erkenntnis des günstigen Zeitpunkts einer Erhebung und eines Zusammenschlusses der deutschen Stämme nur mit dem Geschwindigkeitsmaß der Schnecke in ihm reifte. Und als das sächsische Volk endlich und viel zu spät von der Einsicht durchdrungen war, daß es nunmehr an der Zeit sei, das unwürdige Joch abzuschütteln und sich von den Sklavenketten zu befreien, da fanden die Rufe, die es an seine Führer richtete, kein Gehör. König und Regierung überboten sich darin, dem Kaiser ihre Ergebenheit zu versichern und sich in der Ausführung seiner nur schlecht in Wünsche gekleideten Befehle zu überstürzen.

Konrad hatte in den letzten Tagen über die Stimmung in Dresden genaue Nachrichten erhalten. Er wußte auch, daß die sächsische Polizei, verstärkt durch eine große Anzahl französischer Geheimagenten, scharf aufpaßte und schon manchen Patrioten hinter feste Mauern gebracht hatte.

Die Unsicherheit in der Hauptstadt bewog ihn zuletzt, vorläufig noch abzuwarten, wie sich die nationalen Kreise in Dresden der Berliner Bewegung gegenüber verhalten würden.

Zudem bewahrte Konrad ein tiefes Geheimnis in seiner Brust, das er noch keinem Menschen offenbart hatte, und das ihn so im Bann hielt, daß, je länger er es mit sich herumtrug, sein Geist von den politischen Vorgängen immer mehr und mehr abgelenkt wurde. Durch das öftere Verweilen auf dem Freihofe während seiner Kindheit, war er mit allen seinen Bewohnern und insbesondere mit Elisabeth in enge Berührung getreten. Die liebliche Zartheit des Mädchens hatten ihn, den sonst nur für bäuerische Derbheit und strotzende Gesundheit bis an die Grenze des Ungeschlachten empfindsamen Sohn des Bauern von Rabenstein, wundersamerweise in Fesseln geschlagen. Er konnte sich keine Rechenschaft darüber geben, wie es kam, daß dieses zierliche Geschöpf mit der ausgelassenen Lustigkeit und dem Lachen eines übermütigen Kindes einen solchen Eindruck auf ihn machte, da er doch von Natur aus einer ernsten Lebensauffassung zuneigte.

Seit länger als einem Jahre schon war er aber davon überzeugt, daß das Gefühl, das er für Elisabeth empfand, nichts anderes war, als eine tiefe, sein ganzes Herz ausfüllende Liebe. Den Gedanken, sie zu seinem Weibe zu machen, hatte er, so oft er sich auch in seine Seele gestohlen, immer wieder zurückgedrängt. Eine Bäuerin, wie sie auf dem Rabensteiner Hof schalten mußte, besonders wenn seine Mutter nicht mehr war, konnte aus dem Mädchen nie werden; das wußte er. Allein diese Einsicht war es nicht, die ihn hinderte, Elisabeth als Weib neben sich zu träumen und auch nicht der Umstand, daß es für den Besitzer eines kleinen Hofes eine Vermessenheit war, auf dem größten Gute weit und breit anzuklopfen und um die einzige Tochter zu bitten.

Das, was ihn bisher seine Liebe als aussichtslos hatte erscheinen lassen, waren vielmehr die quälenden Zweifel, ob das zarte Pflänzchen im Schatten des knorrigen Eichbaums auch gedeihen werde, ob das kindliche Mädchen mit dem lebhaften, silberhellen Lachen an der Seite des in sich gekehrten Mannes glücklich werden könne. An ihm solle es ja gewiß nicht fehlen! Er war bereit, die Steine von ihrem Erdenpfade aufzulesen, daß ihr zarter Fuß sich nicht verletze, und seine Arme waren stark genug, sein Weib zu umfangen und so hoch empor zu heben, daß der Strom des Mühsals unter ihr hinwegflösse und kein irdisches Weh bis zu ihr heraufreiche. Aber der allzeit ohne Überschwang denkende Mann verhehlte sich dabei nicht, daß ihre Naturen doch recht verschieden waren.

Um seinem gequälten Herzen Ruhe zu verschaffen, beschloß Konrad, sich seiner Mutter zu entdecken.