Eines Abends saßen wieder Mutter und Sohn wie immer einander gegenüber. Sie drehte unermüdlich den blonden Flachs über die schnurrende Spindel und betrachtete mit scharfem Auge den sich hurtig abwickelnden Faden. Konrad hatte den Kopf in beide Hände gestützt und las in einem Buche mit vergilbten Blättern in starkem Schweinsledereinband, wie sich in grauer Vorzeit die Bewohner Athens der gleich Heuschreckenschwärmen gegen sie heranziehenden Scharen der Perser erwehrten. Schon an die fünfzig Male hatte der Jüngling wohl diese Schilderung gelesen und wie oft geseufzt, wenn er daran dachte, was vor mehr als zweitausend Jahren ein kleines Volk vollbracht hatte. Heute war alle Begeisterung tot. In dumpfem Brüten schritten starke Völker ihre Straße dahin, die Füße mit klirrenden Ketten gefesselt und auf dem Rücken die Peitsche des Eroberers fühlend. Hier und da nur sah man, wie einem in dem großen Zuge das Auge rollte, vernahm man ingrimmige Verwünschungen und ohnmächtiges Zähneknirschen.
Unwillkürlich stieß Konrad das Buch von sich und versank in tiefes Sinnen.
Aber nicht mehr im grauen Altertum weilten seine Gedanken. Er sah vielmehr eine lichte Mädchengestalt mit zwei langen, aschblonden Zöpfen, die durch die raschen Bewegungen lustig um die Schultern ihrer Herrin flogen, hörte nur zwei trippelnde Füßchen und ein glockenreines Lachen. Da atmete Konrad tief auf, daß seine Mutter den Blick von dem schnurrenden Rade erhob und forschend auf den Sohn richtete.
Lange Minuten blieben ihre Augen auf ihm haften, unterdessen sie das Spinnrad vergaß, daß es nur noch langsam weiterlief, bis es endlich stillstand.
Ihre Gedanken flogen vom Sohn zurück zu seinem verstorbenen Vater, dem er immer ähnlicher wurde. Derselbe starke Wille, den jener besessen, zeigte sich bei ihm immer deutlicher. Ein Hindernis in der Ausführung seiner Pläne hatte der Vater nicht gekannt. Starrköpfig war er durchs Leben gegangen mit seinem abstoßenden Wesen und dem doch so trefflichen Herzen. Die Leute mochten ihn nicht gern, weil er so arg mit Worten geizte; deshalb vermieden sie seine Begegnung. Immer mehr insichgekehrt wurde er, bis er zuletzt menschenscheu geworden war.
Jetzt hob Konrad den Kopf von den beiden Fäusten, die ihn stützten, und seine Augen begegneten denen der Mutter.
»Mutter,« sagte er, »warum siehst Du mich so starr an?«
»Du hast schwer geseufzt, mein Junge,« antwortete sie, »was fehlt Dir?«
Da sah Konrad von seiner Mutter weg und ließ den Blick wieder vor sich hinfallen.
»So, also geseufzt habe ich? Das tun, wie man spricht, gern Verliebte – – –, nun, da sage ichs nur gleich frei heraus, Mutter, ja ich bin verliebt!«