Da stieß die Freihoferin heftig den Stuhl zurück und stand im nächsten Augenblick neben dem schwer atmenden Kinde. Wie eine Feder hob die Greisin das Mädchen auf, preßte es an ihre Brust und trug es hastig zur Stube hinaus.

10. Kapitel.

In tiefem Blau prangte seit einigen Tagen der Himmel, und aus Südosten blies ein lauer Wind.

Wie durch einen Zauberschlag war das Bild, das die Natur geboten, verändert: der Schnee war unter den warmen Sonnenstrahlen verschwunden. Anfangs ging es langsam, bis die obere Schicht zu schmelzen begann und die ersten Wasserläufe entstanden. Als aber die Luft wärmer wurde und der feurige Sonnenball seinen Kreislauf einige Male wiederholt hatte, ohne daß ihn neidische Wolken verbargen, da trat starkes Tauwetter ein. Das Wasser konnte nicht so rasch in die Erde einsickern. Die Straßen weichten auf und wurden grundlos, und auf den Äckern und Wiesen bildeten sich große Teiche, auf denen die Enten laut schnatternd umherschwammen und die liebe Dorfjugend jubelnd Papierschiffe treiben ließ. Der sonst zwischen seinen hochaufgeschütteten Ufern so friedlich dahingleitende Göselbach war stark angeschwollen. Seit diesem Morgen aber war er zum Strom geworden, dessen schäumende Wasser in raschem Laufe dahinschossen.

Auf dem Freihofe war die schwere Beklemmung, die Elisabeths plötzliche Erkrankung hervorgerufen hatte, langsam wieder gewichen. Der schnell herbeigeholte Arzt hatte der Kranken Bettruhe verordnet, und wie ein folgsames Kind schluckte sie Eisstückchen, die die nicht von dem Bette weichende Freihoferin ihr reichte. Nach ein paar Tagen war das Mädchen wieder wohlauf und hatte das Bett verlassen. Sie versicherte, daß ihr nichts mehr fehle bis auf eine bleierne Mattigkeit, die in den Gliedern läge. Aber auch dies hielt nicht lange an, dann war sie wieder lustig und beweglich wie vorher. Sie tollte mit Friesen, als wenn nichts geschehen wäre, über die spärlichen Schneereste hinweg und war unermüdlich, ihn zu necken. Ihre Erfindungsgabe half ihr immer wieder, neue, harmlose Streiche ersinnen, die sie ihm spielte.

Mit großer Besorgnis beobachtete die Freihoferin den Zustand ihres Kindes. Anfangs hatte sie wohl zuweilen ihre Stimme mahnend erhoben und dem Mädchen schnelle Bewegungen und Umherspringen untersagt, bald aber sah sie ein, daß ihre Mahnungen nicht fruchteten, da sie nur zu schnell vergessen wurden. Denn alle Bewegungen, die das Mädchen tat, waren rasch, und die große Lebhaftigkeit, die einen Teil ihres Wesens ausmachte, konnte sie unmöglich unterdrücken.

***

Max hatte mit Friesen für den Nachmittag einen Ausritt verabredet, dem auch Elisabeth sich anzuschließen wünschte. Der Widerstand der Mutter war bald besiegt, und so trabte denn die kleine Kavalkade fröhlich vom Hofe fort, hinein in den lachenden Sonnenschein. Friesen hatte eines der im vorigen Jahre gekauften Kutschpferde bestiegen, einen dicken Wallach, dem ab und zu einmal der Sattel aufgelegt wurde, während Max seinen Braunen ritt.

Elisabeths hochbeiniger Schimmel konnte sich nicht lange dem ruhigen Schritt der beiden andern Pferde anpassen, er drängte unausgesetzt in die Zügel und tänzelte nebenher, den langen Schweif mutwillig hinüber und herüber schlagend. Aber Elisabeth war eine gute Reiterin, die die Launen des Tieres wohl kannte. Mit kurzem Zügelruck, den sie schnell wiederholte, verwies sie das Tier zur Ruhe, so daß der Schimmel alsbald die Zügel freigab, in ruhigen Gang fiel und den leisesten Hilfen der Reiterin wie ein Hündchen folgte.

Als die kleine Schar außerhalb des Dorfes angekommen war und die Straße verlassen konnte, lenkte sie hinüber auf ein sich lang hinziehendes Rasenstück, auf dem nur noch vereinzelt kleine Pfützen stehen geblieben waren. Im leichten Trab sprengten sie weiter, die Wangen von mildem Windhauch umfächelt.