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Wenige Stunden später waren die beiden Männer mit Elisabeth zurückgekehrt, und bald darauf vereinten sich alle zur Abendmahlzeit. Während des Essens herrschte die fröhlichste Stimmung. Elisabeth war ausgelassen wie selten. Sie sprühte vor Lustigkeit, und ihr fröhliches Lachen übte seine Wirkung auf die kleine Tischgesellschaft aus. Nur die Freihoferin blieb ernst und schaute mit besorgten Blicken auf das ihr gegenübersitzende Mädchen.
Der Ausflug vom Nachmittag wurde besprochen, und Elisabeth erzählte der Mutter, daß sie auf der Bornaschen Straße ein gutes Stück hinausgefahren und dann über Göltzschen zurückgekehrt seien. Die Pferde hätten wacker ausgegriffen, und es sei eine Lust gewesen, so pfeilschnell durch die herrliche Winterlandschaft zu fliegen.
»Auf der Rückfahrt,« plauderte sie mit Lebhaftigkeit, »mußte Max die Zügel natürlich meinen Händen überlassen, und während er mit Herrn von Friesen hinter mir wieder über die ganz langweilige Politik sprach, reifte mit einem Male in meiner Seele ein schwarzer Plan. Ich hatte es nämlich schon wiederholt versucht, die beiden von ihrem Gesprächsstoff abzulenken, denn sie sollten von etwas reden, das ich gern höre. Aber mein Drängen war immer vergeblich gewesen. Da riß mir endlich die Geduld und ich beschloß, mitten in ihre Unterhaltung hinein ganz überraschend einen dicken Punkt zu machen. Und wie wir den Tanzberg kaum im Rücken hatten, und die Gäule die abfallende Straße hinuntertrabten, da war ich mit mir im reinen über das Mittel, mit dem ich die ungalanten Herren an die Pflichten der Ritterlichkeit mahnen wollte. Du weißt, liebe Mutter, an der Stelle, wo im Sommer die großen Brombeersträucher blühen, macht die Straße einen scharfen Knick. Dort sollte der Schauplatz der Katastrophe sein. Leider war kein Publikum zu der Vorstellung erschienen. Links also sind die Sträucher, und rechts der Straße hat der Wind den Schnee hochaufgeweht. Ich halte die Zügel etwas straffer, um die scharfe Biegung nicht allzuschnell zu nehmen. Kaum sind wir aber bei ihr angekommen, und die Pferde wenden nach links, da reiße ich die Gäule scharf in die neue Richtung hinein, daß die Tiere fast umkehren und stehen bleiben. Natürlich ist diese Bewegung für den Schlitten viel zu hastig, er kann sie nicht mitmachen, sondern schleudert im Halbkreis herum und wirft sich, seinen Inhalt sorgfältig ausschüttend, blitzschnell auf die Seite. In demselben Augenblick aber, wo ich merke, daß der zuverlässige Kutscherbock unter meinen Füßen seine horizontale Lage aufgeben will, trenne ich mich von dem launischen Gefährt und springe wie eine Katze dem Handpferd auf den Rücken. Von diesem Platze aus beherrschte ich das Gesichtsfeld ganz prächtig und konnte jede Bewegung, die die bis zum letzten Augenblick politisierenden Herren in der nächsten Sekunde machten, auf’s eingehendste studieren.«
Hier konnte die Erzählerin ihre Fröhlichkeit nicht mehr zurückhalten. Die Komik des Vorgangs stand ihr wieder mit so lebhafter Deutlichkeit vor Augen, daß sie mit ihrem bisher mühsam zurückgehaltenen Lachen laut herausbrach und ihre Heiterkeit die Männer mit fortriß, denn auch sie stimmten in das Gelächter fröhlich ein.
Elisabeth aber hatte das Lachen so angestrengt, daß sie erst wieder eine kurze Weile Atem schöpfen mußte, ehe sie weiter sprechen konnte. Dann aber fuhr sie mit unverminderter Lebhaftigkeit fort:
»Liebe Mutter, Du kannst Dir mit Zuhilfenahme Deiner ganzen Phantasie keinen rechten Begriff davon machen, wie die beiden Herren, jeder auf seine Art, sich der plötzlich veränderten Sachlage anpaßten. Das eine muß ich bei allen beiden anerkennen: sie beratschlagten nicht erst lange, was zu tun sei, sondern zogen vor, rasch zu handeln.
Stumm schoß Herr von Friesen mit einem eleganten Wuppdich kopfüber auf den Punkt des Schneehaufens los, wo er am höchsten aufgeweht war und verschwand sofort darin. Leider sprang mein teurer Bruder nicht ebenso graziös wie sein Freund. Ich mußte, ohne daß ich es wollte, des Anblicks gedenken, den die sich sträubenden Kälber darbieten, wenn sie der Viehmakler mit dem Hermann auf den Wagen hebt. Mit gespreizten Armen und Beinen näherte sich Max in raschem Tempo der seiner geduldig harrenden Schneewehe und bohrte sich, den Kopf voran, in sie hinein. Während Herr von Friesen für längere Zeit bis auf einen Stiefel ganz unsichtbar war, fand sich auch Max erst nach gründlichem Suchen darin wieder heraus und krabbelte mit den Gliedmaßen so komisch, daß er aussah wie ein dicker, schwarzer Käfer in einer Schüssel steifer Sahne. Kurzum, meine beiden ritterlichen Gefährten taten in diesen Augenblicken viel, nur von der Politik sprachen sie nicht mehr.«
Die beiden Freunde waren durch die in erzwungenem Ernste gemachte Schilderung des Erlebnisses wiederholt zu erneuter Lustigkeit angeregt worden. Auch Elisabeth mußte ihrer Heiterkeit wieder freien Lauf lassen; sie beugte den Kopf hintenüber und wollte sich vor Lachen ausschütten. Das bleiche Gesichtchen mit den schmalen Wangen und den großen, glänzenden Augen strahlte vor Lebensfreude und ungebundenem Frohsinn.
Da dämpfte plötzlich Elisabeth ihr lautes Lachen. Sie beugte den Kopf auf die Brust, und gleichzeitig wurde ihr zarter Körper durch einen schweren Hustenanfall aufs heftigste erschüttert. Mit einem Schlage war die sprudelnde Heiterkeit von dem kleinen Kreise gewichen, und unwillkürlich richteten sich aller Blicke mit Bangigkeit auf das unter den unaufhörlichen Hustenstößen augenscheinlich schwer leidende Mädchen. Noch ein kurzer, heftigerer Anfall, dann bekam Elisabeth wieder Ruhe. Sie tastete mit der Hand zum Hals, als wenn sie dort etwas beenge und schluckte einige Male hinunter. Darauf lehnte sie sich erschöpft zurück. In den Mundwinkeln des Mädchens aber wurden ein paar große, rote Tropfen sichtbar, die langsam am Kinn und am Halse hinabrollten.