Diese Aufforderung hatte so gebieterisch geklungen, daß der junge Mann nicht wagte, sich zu entfernen. Er trat wieder zum Tische und nahm der Greisin gegenüber Platz.
Noch immer in tiefer Bewegung, aber äußerlich gefaßt, begann die Freihoferin:
»Ich habe Deinen Vater gekannt, Konrad, er war ein Ehrenmann. Deine Mutter ist meine Freundin, und Dich habe ich schon liebgewonnen, wie Du als Knabe im Ziegenbockwägelchen durchs Dorf kutschiertest. Ich kenne Dich besser als Du meinst und wüßte für meine Tochter weit und breit keinen bessern Freier als Dich. Und doch kannst Du nicht mein Eidam sein, wie es überhaupt niemand werden kann.«
Die Freihoferin lehnte sich in den Stuhl zurück, als wenn sie einer Schwächeanwandlung folgen müsse. Nach einigen Augenblicken aber raffte sie sich wieder auf und sprach mit leiser Stimme:
»Höre zu, Konrad, was ich Dir sage. Du und kein anderer wärst mein Tochtermann geworden, wenn nicht eine höhere Macht, der wir uns demütig beugen müssen, es anders wollte. Was ich Dir jetzt anvertraue, weiß nur ich, und niemand ahnt das Entsetzliche. Ich allein wollte den Gram bewahren, bis es offenkundig werden muß. Dir gegenüber aber muß ich reden. Es kann Dir wie allen andern nicht verborgen geblieben sein, daß Elisabeth eine schwache Gesundheit besitzt und seit Jahren kränkelt. Sie ist aber leidender als sie und alle, die sie kennen, ahnen. Meinem Blick ist es nicht entgangen, daß ihre von allen Ärzten als unheilbar bezeichnete Krankheit in den letzten beiden Jahren rasche Fortschritte gemacht hat, und eine innere Stimme raunt mir schon zu, daß ich das Kind nicht mehr lange besitzen werde. O, – mir bangt so unsagbar vor dem Herbste – – –«
Die Freihoferin hielt inne, um ihre Bewegung niederzukämpfen. Dann wollte sie weiter sprechen, aber ihre Stimme versagte. Sie lehnte ihr Haupt wieder an die Stuhllehne zurück und bedeckte das Gesicht mit der Hand.
Konrad hatte der Greisin lautlos zugehört; jedes ihrer Worte fühlte er wie einen Keulenschlag. Sein ganzer Himmel brach über ihm zusammen. In diesem Augenblick erst überkam ihn die Erkenntnis, mit welch inniger Liebe sein Herz schon an dem Mädchen gehangen hatte, jetzt, wo er das Kleinod verlor, noch ehe er es besessen hatte. Noch vor einer Stunde war sein Herz von seligen Hoffnungen erfüllt gewesen. Sein geistiges Auge hatte ihm eine blumige Wiese vorgezaubert, auf der er ruhte. Und wie sein Blick sich labte an den glänzenden Gaben des Himmels, da kam das Glück, ein betörend schönes Weib, lachend auf ihn zugeschritten und bot ihm schon von fern die Hand. – So hatte es in seinem Innern ausgesehen, als er dieses Zimmer betrat. Und jetzt? Wie war doch mit einem Male alles in ihm ganz anders! Das Jauchzen war verstummt, der Sonnenglanz verblichen. Die grauen Schneewolken draußen hingen tief herab, daß sie seine Stirn zu berühren schienen. Blüten und Blumen waren verschwunden, und weit in der Ferne schritt flüchtigen Fußes das Glück, – – es war an ihm vorübergegangen!
Da fiel sein Auge auf die in den Stuhl zurückgesunkene Greisin, und langsam schloß sich die frische Wunde seines Herzens, verstummte sein Weh vor dem gewaltigen Schmerz, der diese Mutter durchwühlte. Durfte er klagen angesichts dieses Weibes, das seit langen Monaten sein Kind dahinschwinden sah, und dem ein untrügliches Gefühl seinen nahen Tod grausam angekündigt hatte?
Erschüttert sah Konrad auf die Freihoferin. Aber er wußte nicht, wie er sie trösten sollte, denn solch einen Schmerz können Worte nicht mildern.
Und mühsam erhob sich der Jüngling und ging mit leisen Schritten zur Tür und verließ geräuschlos das Zimmer.