Während die beiden Reiter ihre Pferde ruhig laufen ließen, betrachteten sie mit Vergnügen das in Windeseile dahinfliegende Mädchen. Die Entdeckung, daß Elisabeth eine vortreffliche Reiterin war, hatte Friesen schon längst gemacht. Heute wurde ihm ein neuer Beweis hierfür. Elisabeth behielt auch in dieser scharfen Gangart das Tier vollständig in ihrer Gewalt, und die Reiter konnten deutlich wahrnehmen, wie der Schimmel dem Zügel augenblicklich folgte. Ohne die Schnelligkeit zu vermindern, umkreiste Elisabeth noch immer die beiden Freunde, alle Hindernisse nehmend, die im Wege lagen. Ihre Augen leuchteten vor Freude, und eine Locke des blonden Haares hatte sich gelöst und wehte der Reiterin um die jetzt von einer leichten Röte bedeckte Stirn.
Soeben war sie wieder in kurzer Entfernung vor den Herren vorbeigejagt und hatte ihnen ein Scherzwort herüber gerufen, als Maxens Pferd plötzlich vor einer auffliegenden Krähe scheute. Noch immer gereizt durch die Unbeholfenheit des Tieres beim Sprunge, nahm es Max fest in die Zügel und zwang es mit eisernem Schenkeldruck zur Ruhe. In diesem Augenblick stieß Friesen, der Elisabeth nicht aus den Augen gelassen hatte, einen unterdrückten Schrei aus. Max fuhr auf und suchte seine Schwester mit dem Blick, die sich gerade in geraumer Entfernung rechtsseitwärts von ihnen befand. Aber er konnte nichts entdecken, was dem Freunde Grund zur Besorgnis geben mochte. Da sagte Friesen kurz:
»Sie hat den Sitz verloren und bemüht sich, den Schimmel in Schritt zu bringen.«
Die Reiter blieben stehen und schauten mit angestrengter Aufmerksamkeit dem sich ihnen von rückwärts her nähernden Mädchen entgegen.
»Der Schimmel hat kleine Launen, ist aber im ganzen harmlos,« entgegnete Max, »und Elisabeth kennt sich mit ihm aus.«
Da stürmte auch schon das Tier mit seiner Reiterin in kurzer Entfernung an ihnen vorüber. Elisabeths Fuß hatte zwar noch fest im Bügel geruht, aber es gab für die Beiden keinen Zweifel mehr, daß sie die Gewalt über das Tier vollständig verloren hatte. Mit seiner ganzen schwachen Kraft riß das Mädchen an den Zügeln, doch umsonst, die leichte Kandare klemmte zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen des durchgehenden Pferdes. Plötzlich sprang der Schimmel aus der bisherigen Richtung heraus und jagte eine sanft ansteigende, weite Lehne hinauf, dicht an den letzten Häusern des Dorfes vorbei.
Wie gelähmt blieben die Reiter stehen, dem davonstürmenden Pferde entsetzt nachschauend. Aber nur einen Augenblick dauerte ihre Bestürzung. Kein Wort wurde ausgetauscht, aber sie wußten beide, daß es eine Jagd auf Leben und Tod sein würde, um das Mädchen zu retten, denn der rasende Lauf des scheugewordenen Pferdes führte in gerader Richtung auf den hochangeschwollenen Bach zu.
Da fuhr Max wild auf und hieb dem heftig erschreckenden Braunen die Sporen tief in die Seiten, daß das Tier von Schmerz gepeinigt sich auf den Hinterbeinen erhob und senkrecht aufstieg, um dann wie toll davonzurasen, hinterdrein Friesen. Die beiden Pferde schlugen sofort eine hohe Geschwindigkeit an, und so ging es in wilder Jagd dem in nicht zu großer Entfernung vor ihnen galoppierenden Schimmel nach. Stumm ritten die beiden Männer nebeneinander, keinen Blick von dem davoneilenden Pferde verlierend und mit allen Sinnen auf den Gang ihrer Tiere achtend. Maxens Brauner schien wieder gut machen zu wollen, was er vorhin versäumt hatte: mit mächtigen Sprüngen setzte er über den weichen Boden hinweg, so daß Friesen Mühe hatte, an seiner Seite zu bleiben.
Aber Max achtete nicht darauf, daß der Braune sein Bestes bot, er verlangte noch mehr von ihm. Von neuem setzte er dem Tiere die Sporen in die Seiten, daß dieses in der Tat in eine erhöhtere Schnelligkeit fiel und nunmehr wie ein Pfeil dahinschoß. Mit Genugtuung bemerkte Max, daß sich die Entfernung zwischen ihm und Elisabeth langsam verringerte. Friesens Wallach konnte dieses Tempo nicht einhalten und blieb um einige Längen zurück. Max gewahrte Friesens Zurückbleiben, aber was kümmerte es ihn; seine weit aufgerissenen Augen hingen, ohne abzuirren, an der zarten Mädchengestalt auf dem vor ihm weiterstürmenden Pferde. Der Zwischenraum wurde merklich kürzer, denn der Braune hielt das scharfe Tempo gut inne und verkürzte nicht um eine Handbreite seine weitausgreifenden Sprünge.
Aber immer mehr forderte der Reiter von seinem Tiere. Wieder gab er ihm die Sporen zu fühlen, bis er zuletzt das Eisen auf den Flanken ruhen ließ und durch unausgesetztes Drohen mit den scharfen Spitzen den Gaul zum Einhalten seiner hohen Schnelligkeit anstachelte. Alles was in dem Pferde war, forderte sein Reiter in diesen Augenblicken von ihm. Und wenn das Tier dabei zugrunde ging, was tats? Galt es doch ein Menschenleben zu retten, und dieser Mensch – war seine Schwester! Zum Glück näherte er sich ihr bei diesem Tempo von Sekunde zu Sekunde, und noch in großer Entfernung vor dem reißenden Wasserlaufe mußte er sie eingeholt haben.