Die ruhige Überlegung drohte den jungen Mann zu verlassen, wenn er blitzschnell die Möglichkeit erwog, daß sein Pferd diese Schnelligkeit nicht aushalten könnte. Seine Augen schätzten fortwährend forschend den Abstand, und mit großer Befriedigung stellte er fest, daß Elisabeths Vorsprung sich immer mehr verringerte und er sehr bald an ihrer Seite sein mußte. Er überlegte: von links wollte er anreiten, um die rechte Hand frei zu haben und wenn er erst einmal die Zügel des störrischen Schimmels in seiner Faust haben würde, dann – – – – – –, was Max von Tiefenbach in der Faust hielt, das war ihm sicher, das gehörte ihm!

Aber der Braune durfte nicht um einen Zentimeter nachlassen, er mußte ohne Unterlaß das Eisen kosten. Und von neuem jagte Max dem Tiere die Stacheln in das Fleisch, daß es in wildem Schmerze wie unsinnig weiterraste.

Max spannte alle Sinne aufs äußerste an. Da, allmächtiger Gott, täuschte er sich, oder war es Wirklichkeit, – der Braune verkürzte die Sprünge? Sein Auge durchmaß den Zwischenraum, und es war keine Täuschung, er war in den letzten Sekunden größer geworden. Ein wilder Fluch entfuhr ihm. Sollte er jetzt, wo er in wenigen Sekunden an seiner Schwester Seite sein konnte, zurückbleiben und zusehen müssen, wie diese dem unabwendbaren Tode entgegeneilte? Da zerriß wie ein greller Blitzstrahl ein banger Gedanke das Gespinst seiner sich stürmisch jagenden Betrachtungen. Wie unter einem heftigen körperlichen Schmerz zuckte Max zusammen und die angstvollen Worte entfuhren ihm: »Um des Himmels willen, die Mutter!«

Wütend fuhr da der Mann auf:

»Verwünschte Kanaille, willst Du mich im Stiche lassen? Warte ich will Dir Lust machen.«

Und von neuem bohrte er die Sporen tief in die Flanken. Aber das Pferd bäumte nicht mehr angstvoll auf wie vorhin und machte seine Sprünge nicht größer. Pfeifend schossen ihm die Atemstöße aus den geblähten Nüstern und das kurzabgerissene Schnauben hätte zu jeder anderen Zeit Max zum Absteigen veranlaßt. In diesem Augenblick aber hörte und sah er nichts von der großen Erschöpfung des so schnelles Laufen ungewohnten, schweren Tieres, das schon viel mehr ausgegeben hatte, als von ihm gefordert werden durfte.

Mit steigendem Entsetzen bemerkte er, wie der Schimmel immer größeren Vorsprung gewann. Alle Empfindungen, die bei dieser Wahrnehmung auf ihn einstürmten, verwandelten sich in Zorn, der sich gegen das jetzt wiederholt strauchelnde Pferd richtete. Von Wut gepackt trieb er ihm zwei-, dreimal die Eisen in die Seiten. Das gequälte Tier bäumte hoch auf, – da riß des Reiters eiserne Faust es nieder und dann bohrten sich wieder und wieder die Sporen in sein Fleisch. Mit Schenkel und Eisen bearbeitete Max ohne Erbarmen das Tier, daß es von neuem ein schnelleres Tempo anschlug. Aber es entging ihm nicht, daß der Braune die Geschwindigkeit von vorhin nicht mehr erreichte und daß die Entfernung sich mit jedem Sprung vergrößerte.

Da kam auch Friesens Wallach wieder heran, der in gleichbleibender Schnelligkeit weitergeritten und der trotz der vielen Versuche seines Reiters in keine schärfere Gangart gefallen war. Langsam rückte Friesen vor. Max bemühte sich, einen kleinen Vorsprung zu behalten, aber der Wallach kam näher. Schon standen die beiden Tiere Gurt an Gurt, dann glitt Friesen ein Stück vor und behielt ein Tempo, in dem der Braune nur schwer folgen konnte.

Die Reiter sahen jetzt, wie der Schimmel die Anhöhe erreicht hatte. Elisabeths Gestalt war noch einen Augenblick sichtbar, und die beiden Freunde erkannten deutlich, daß ihr Oberkörper vornübergesunken war und daß das Mädchen beide Arme um den Hals des Pferdes geschlungen hatte. Dann entschwand sie ihren Blicken.

Max war vor Schrecken seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er nahm seinen Reitstock und schlug damit wiederholt den Braunen wuchtig zwischen die Ohren, womit er nur erreichte, daß das Pferd dicht hinter Friesens Wallach blieb.