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Konrad Hartmann war auf seinem Hofe beschäftigt. Die nackten Füße in Lederpantoffeln steckend, kniete er gerade vor einem Wagen und legte um eine zersprungene Nabe ein Stück schmalen Eisenbandes. Drüben am Pferdestalle stand seine Mutter, die mit weitem Wurfe Maiskörner unter die stattliche Schar Hühner schleuderte.
Am Abend jenes Tages, an dem Konrad die erschütterte Freihoferin leise verlassen hatte, war es in der Wohnstube auf dem Rabensteiner Hof noch viel stiller als sonst zugegangen. Der Sohn hatte eine Weile an dem hölzernen Pfeifenkopfe weitergeschnitzt. Lange hatte dies aber nicht gedauert, dann mochte ihm die Beschäftigung nicht mehr zugesagt haben. Er hatte auf das Bücherbrett gegriffen und die Helden des grauen Altertums wieder einmal vor seinem Geiste aufmarschieren lassen.
Sonst vergaß er beim Lesen jener Zeiten alles, was sich um ihm herum zutrug. Mit leuchtenden Augen verfolgte er dann das gewaltige Ringen der Völker und die erbitterten Kämpfe mit dem überlegenen Gegner um die Freiheit des Stammes. An diesem Abend aber hatten seine Gedanken nicht mitten unter den Helden geweilt, und es begab sich zum ersten Mal, daß das Interesse an den Großtaten Jener verblich, und sich dafür etwas anderes in seine Seele schlich und allen Raum darin für sich beanspruchte. Zeitiger als andere Tage hatte Konrad das Bett aufgesucht. Die Mutter aber war geblieben und hatte mit Wehmut lange, lange auf die Stelle geschaut, wo ihr Sohn gesessen hatte. – –
Wieder hatte sich Konrad gebückt und mit aufmerksamen Blicken und wiederholtem Betasten den geflickten Schaden geprüft. Da stieß die Rabensteinerin einen lauten Schrei des Entsetzens aus. Konrad fuhr erschreckt in die Höhe und blickte auf seine Mutter.
Mit vorgeneigtem Oberkörper stand diese inmitten der die Körner geschäftig aufpickenden Hühner und sah in großer Erregung durch das weitgeöffnete hintere Hoftor, das unmittelbar auf die Wiesen hinausführte. Hastig folgte Konrad dem Auge seiner Mutter, und in demselben Augenblick war sein von der emsigen Arbeit stark gerötetes Gesicht bis in die Lippen hinein bleich geworden. Einen Herzschlag lang schauten Mutter und Sohn mit dem Ausdruck des Entsetzens nach den Wiesen, über die in wilden Sprüngen ein durchgehendes Reitpferd hinweg setzte, auf dessen Rücken die zusammengesunkene Gestalt eines jungen Mädchens zu erkennen war.
Noch war der die kühle Besonnenheit sonst nie verlierende junge Mann wie gelähmt, da riß sich die Mutter von dem erschreckenden Anblick los und rief dem Sohne zu:
»Konrad, was stehst Du wie ein Pfahl? Nicht einen Augenblick hast Du zu verlieren!«
Der aber antwortete nicht, sondern starrte regungslos ins Weite.
Da flammte in dem gutmütigen Gesicht des Weibes helle Zornesröte auf. Mit ein paar Sprüngen stand sie neben dem Sohn, riß an seiner Schulter und schrie ihm ins Ohr: