»Der König ist gestern bei Nacht und Nebel heimlich auf die Festung Königstein entwichen,« erzählte der Nachbar, »und mit ihm sind die Minister geflohen. Da das Land jetzt also buchstäblich ohne Regierung ist, hat sich auf dem Rathaus aus der Mitte der Bürger eine provisorische Regierung gebildet. Nun gilt es nur noch, den Truppen klarzumachen, was es heißt, daß ihr Kriegsherr und seine ersten Ratgeber sie preisgegeben haben. Wenn die Soldaten vernünftig sind und die neue Regierung anerkennen, dann ist alles in Ordnung. Sachsen wird Republik, und alle deutschen Länder werden auf uns neidisch sein, daß wir das so rasch und ohne große Opfer erreicht haben. Freilich,« schloß der Erzähler nachdenklich, »sicher ist es noch nicht, ob die Truppen mit uns gemeinschaftliche Sache machen.«

Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, und ihre Strahlen machten die Schläfer munter. Heinrich sah, daß alle Betten belegt waren. Wie ihm sein freundlicher Nachbar mitteilte, waren es Aufständische, die bei dem Zeughaussturm verwundet worden waren. Einige mußten schwer leiden. Sie lagen regungslos in den Kissen und stöhnten leise.

Als der Morgenkaffee ausgeteilt wurde verbreitete sich die Neuigkeit, daß gestern abend die leichte Infanterie aus Leipzig angekommen sei, und vor einer Stunde wäre aus Chemnitz ein Bataillon vom Leibregiment eingetroffen.

Diese Kunde verursachte große Enttäuschung unter den Verwundeten. Denn man hatte schon allgemein damit gerechnet, daß jede Stadt ihre Truppen am Abmarsch hindern würde, damit die Dresdner Garnison nicht verstärkt werde.

Der alte Mann neben Heinrich war aber ein Feuerkopf.

»Nun, so mag es gehen, wie es will,« eiferte er. »Wir werden endlich doch triumphieren. Glauben Sie mir, junger Freund, unsere gerechte Sache muß siegen! – Fühlen Sie sich kräftig genug, die Klinik wieder zu verlassen?«

Heinrich streckte die Glieder und bejahte. Die allgemeine Kampfesstimmung hatte auch ihn erfaßt. Und wozu wäre er denn sonst aus der Kaserne entflohen?

»Dann werde ich Ihnen ein Gewehr verschaffen,« versetzte der Alte. »Verstehen Sie, damit umzugehen?«

Heinrich erklärte, daß er es könne, verschwieg aber, wo er es gelernt hatte.