Diesen Ruf hatte unwillkürlich Heinrich ausgestoßen, der mit dem zu seiner Linken stehenden Herrn Dietze das Trinken verschmäht und wachsam nach dem Gondelhafen geschaut hatte. Die Aufrührer blickten überrascht auf und erkannten, wie eine Kompagnie leichter Infanterie die niedrige Terrassentreppe heruntereilte. Im nächsten Augenblick schlugen die auf kurze Entfernung abgefeuerten Kugeln der Soldaten in die Barrikade ein und fast gleichzeitig tönte es aus hundert Kehlen: »Hurra!«
Jetzt krachten wie eine geschlossene Salve die Gewehre der überrumpelten Barrikadenbesatzung in die Stürmenden hinein. Aber die Soldaten kehrten sich nicht an die Wirkung der Schüsse. Mit verblüffender Kühnheit rannten die Schützen unter dem rasselnden Gewehrfeuer quer über den Platz, allen voran ihr Hauptmann mit gehobenem Säbel. In wenigen Sekunden waren sie an der Barrikade und kletterten an ihr empor.
Gerade als die ersten schwarzen Tschakos vor den Augen der Besatzung am oberen Rand der Barrikade auftauchten, sprang der Kommandant auf die Brüstung und schickte sich an, die Gewalt des Sturmes im letzten Augenblick durch eine Ansprache zu beschwören.
»Soldaten! –« rief er, da traf ein schwerer Kolbenstoß seine Brust und warf ihn rücklings in die Tiefe. Heinrich schoß sein Gewehr auf den vor ihm hochkommenden Kopf ab, daß dieser blitzschnell wieder verschwand. Dann stand die Brüstung voll Soldaten. Ein Schützenkorporal, dessen Augen wie die einer Katze funkelten, ergriff Heinrichs Gewehr an der Mündung, um es ihm zu entreißen. Heinrich ruckte heftig zurück, – da flog der kleine Korporal im Bogen über ihn hinweg und schoß mit dem Kopf voran auf das Pflaster hinunter.
Heinrich stand gerade im Begriff, sich gegen einen andern Angreifer zu wenden, als er zu seiner Linken einen dumpfen Schlag und einen entsetzlichen Schrei hörte. Er fuhr herum und sah Herrn Dietze mit weit aufgerissenen Augen zusammensinken. Der Hut war ihm herabgeflogen, Schädel und Stirn waren gespalten, das Gesicht mit Blut überströmt.
Schon riß der Soldat auf der Barrikadenkrone, der den furchtbaren Schlag getan, das mit beiden Händen gefaßte Gewehr wieder in die Höhe, als Heinrich ihm in grenzenlosem Zorn seine Gewehrmündung in den Leib rannte. Der Getroffene verfärbte sich im Augenblick leichenblaß. Die emporgehobene Waffe entglitt den sie umklammernden Händen, und der Schütze fiel langsam um und rollte von der Barrikade auf die Straße hinunter.
Jetzt bemerkte Heinrich, daß er nur noch allein auf der Barrikade stand. Seine Mitkämpfer rannten in voller Flucht über den Zeughausplatz hinweg, als wenn der unwiderstehliche Ansturm sie fortgeblasen hätte. Da knirschte er eine Verwünschung, sprang hinab und eilte ebenfalls zurück. Die ihm nachgesandten Kugeln pfiffen wirkungslos an ihm vorbei.
Auf dem mittlerweile überraschend schnell leer gewordenen Platz stand vor dem Zeughause Professor Richter mit dem Heinrich ebenfalls bekannten Advokaten Heintz, beide die dreifarbige Kokarde am Hut und ohne Waffen.
Heinrich hielt in seinem raschen Lauf inne, trat an Doktor Richter heran und sagte atemlos: