Dem Hotel Stadt Rom gegenüber stand an der andern Ecke der Moritzstraße mit dem Neumarkt das Hotel de Saxe. Dieses mächtige Haus war gleichfalls von Freischärlern besetzt, welche aus allen Stockwerken feuerten. Die Straße zwischen beiden Hotels sperrte eine hohe Barrikade. Aus den Kindschen Häusern, die von der Frauengasse bis zum Jüdenhof den Platz begrenzten, krachten die Gewehre der Aufrührer unaufhörlich hinüber nach den Truppen auf der am Ende der Münzgasse sichtbaren Brühlschen Terrasse und im Coselschen Palais neben der Frauenkirche.
Heinrich merkte bald, daß die Kugeln der Truppen wenig Wirkung hatten. Er kannte ihre Perkussionsgewehre ja ganz genau und wußte, daß die Entfernung für sie sehr groß war, während die Geschosse aus den weittragenden Büchsen der bürgerlichen Kämpfer die Stellungen der Truppen mit unverminderter Kraft erreichten.
Als Ziel hatte sich Heinrich das letzte Fenster der Bildergalerie an der Ecke der Augustusstraße gewählt. Da schien es ihm mit einem Mal, als ob er die Leute in diesen Fenstern kenne. Er sah scharf hinüber. Es war kein Irrtum, – die Mannschaften seiner Kompagnie standen dort!
Eben hatte der Soldat Kießling seiner Visitation das Gewehr erhoben und zielte herüber. Heinrich sah den Feuerstrahl aus der Mündung blitzen und hörte trotz des unaufhörlichen Krachens ringsum deutlich den Knall des Schusses, als wenn nur dieses eine Gewehr abgefeuert worden sei.
Im nächsten Augenblick dröhnte das steinerne Fenstergewände dicht neben seinem Kopf, zerborstenes Blei spritzte umher, und ein großes Stück Sandstein fiel auf das Fensterbrett vor ihm nieder.
Heinrich rieb sich den Staub aus den Augen. Da sah er, wie Soldat Kießling sein Gewehr gleichmütig wieder lud und von neuem anlegte. Schnell riß Heinrich den Kolben an die Backe und drückte ab. Krachend fuhr der Schuß hinaus. Im nächsten Augenblick sank drüben dem Zielenden das Gewehr vom Kopfe herab und fiel zum Fenster hinunter, während Kießling eine Schmerzensbewegung machte und auf seine herabhängende rechte Hand starrte.
Da wurde der Verwundete vom Fenster gezogen, und ein anderer Soldat trat an seine Stelle. Heinrich biß die Zähne aufeinander und machte das Gewehr wieder fertig. Langsam hob er die Waffe und zielte scharf auf den eben Herangetretenen.
Plötzlich ließ er das Gewehr sinken. Er konnte nicht schießen! Der jetzt dort stand, war Korporal Johne, ein vortrefflicher Mensch. Johne war der Einzige gewesen, mit dem er jederzeit treue Kameradschaft gehalten hatte.
Heinrich trat vom Fenster zurück und sicherte das Gewehr. Auf seine Kompagnie mochte er nicht zielen. Es gab hier genug Schützen, die aus Mangel an Fensterplätzen nicht zum Feuern kamen. Er konnte sich eine andere Stelle aussuchen. Übrigens wurde es auch Zeit, daß er zu Marschalls ging.
Bei diesem Gedanken fühlte Heinrich, wie ihm das Blut ins Gesicht trat. Denn er war sich dessen bewußt geworden, daß er Professor Richters Auftrag im Eifer des Gefechts bald vergessen hätte.