Schnell entschlossen ließ sich Valentine nach dem Zimmer dieses Gastes führen. Auf ihr Klopfen trat ein weißhaariger Diener in Livree, mit Kniehosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen heraus, die Tür hinter sich schließend.
Valentine brachte ihre Bitte vor. Der Glattrasierte, seiner Sprache nach ein Österreicher, versicherte, daß auf das Zimmer nicht verzichtet werden könne. Die Schilderung des Mangels an Raum und Betten für die Verwundeten beantwortete er mit bedauerndem Achselzucken. Da verlangte das Mädchen mit bestimmten Worten, daß er sie zu seinem Herrn führe. Eine kurze Weile blieb der Befrackte unschlüssig, dann öffnete er geräuschlos die Tür und verschwand hinter ihr.
Während Valentine voll Unruhe wartete, mußte sie an den seltsamen Gast denken, der es verschmähte, ein sicheres Quartier aufzusuchen. Da erschien der Diener von neuem und bat sie, einzutreten.
In dem großen Raum brannte eine einzige Kerze, die nur die nächste Umgebung notdürftig erhellte. Am Tisch saß ein Herr im Alter von etwa fünfzig Jahren und von vornehmem Aussehen. Beim Eintreten Valentinens wandte er sich im Stuhl nach der Tür und nahm einen grünen Augenschirm von der Stirn.
Valentine schritt unbefangen zu dem Sitzenden hin, der sie während ihres Näherkommens aufmerksam betrachtete. Plötzlich stand er auf, machte dem Mädchen eine Verbeugung und lud sie mit einer stummen Handbewegung zum Sitzen ein.
Der Fremde hatte ein scharfgeschnittenes Gesicht von ernstem Ausdruck. Sein Schnurrbart und das Haar an den Schläfen waren grau. Er schien das Bedürfnis zu haben, seine Augen zu schonen. Denn während er Valentine fragend ansah, legte er die Hand an die Stirn, um selbst das dämmrige Kerzenlicht noch zu dämpfen.
»Ich pflege hier im Hause die Verwundeten,« begann Valentine ohne Umschweife. »Und da es mir morgen an Raum fehlen wird, die Verletzten unterzubringen, so bitte ich Sie, mein Herr, mir ein Zimmer von den Ihrigen abzutreten.«
»Sehr gern,« antwortete der Fremde ohne zu zögern. »Kann ich Ihnen sonst noch helfen? Brauchen Sie Betten? In meinen Zimmern befinden sich noch einige, die ich Ihnen zur Verfügung stelle.«
Valentine hatte dieses bereitwillige Entgegenkommen nicht erwartet. Auf ihrem Gesicht prägte sich freudige Überraschung aus. Der Fremde schien es zu bemerken. Gleichsam, als ob er sie verhindern wolle, ihrem Empfinden Ausdruck zu geben, fragte er rasch:
»Möchten Sie sich das Zimmer einmal ansehen?«