Am Abend brachte Professor Richter das Mädchen nach dem Hotel Stadt Rom, wo sie fortan selbständig Hilfe leisten sollte. Gerade an dieser Stelle wurden viele Kämpfer verwundet, da das Haus vom Johanneum und von der Frauenkirche her andauernd mit starkem Feuer überschüttet wurde.

In dem Hotel fand Valentine denn auch eine erhebliche Anzahl Verletzter vor, die der ersten Hilfeleistung harrten. Mit unendlicher Geduld ging sie an die ernste Arbeit und wurde nicht müde, den Schwerverwundeten Trost zuzusprechen und die Verletzungen nach den Weisungen des Professors zu behandeln.

Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, als das Feuer schwieg. Da erst konnte Valentine auch an sich denken.

Zwar empfand sie große Müdigkeit. Aber ein köstliches Frohgefühl bewegte ihre Brust und ließ sie die Abspannung vergessen. Das Bewußtsein, die Leiden der Unglücklichen zu mildern, machte ihr Herz höher schlagen. Manche bleiche Lippe hatte der jungen Samariterin bebend Dank gestammelt und manches tränenerfüllte Auge ihren Trostspruch stumm gelohnt, wenn der fliegende Atem den Schwerverwundeten der Sprache beraubte.

Valentine fühlte jetzt deutlich, welche Wandlung sich in ihrem Innern vollzogen hatte.

Noch vor wenigen Tagen, als die Bewegung immer drohender wurde bis der Aufstand ausbrach, hatte sie bedauert, ein Weib zu sein, das nicht in die Reihen der Kämpfenden treten konnte. Als aber das Gefecht begonnen und sie von den ersten Verwundeten gehört, als Professor Richter erzählt hatte, wie schnell die Zahl der Opfer des Kampfes wachse, und als sie sich endlich bewußt geworden war, wie furchtbar schwer die Verantwortung auf den Leitern der blutigen Erhebung ruhte, da hatte sich alle Härte und Schroffheit gleichsam über Nacht aus ihrem Herzen gestohlen! Und zu dem allen wußte sie sich mitschuldig. Hatte sie doch nicht nur insgeheim, sondern auch mit vorschnellem Wort den Eintritt der Katastrophe herbeigewünscht. Jetzt aber, wo die Entsetzlichkeit des Krieges ihr vor Augen stand, erhob sich laut die Stimme ihres Herzens. Und sie mußte helfen, lindern und Barmherzigkeit üben, bis ihr die Kraft versagte!

Nachdem mit Einbruch der Dunkelheit das Gewehrfeuer endlich geschwiegen, war in Stadt Rom sehr bald tiefe Ruhe eingetreten. Von den ersten Morgenstunden bis in die sinkende Nacht hinein hatten die Männer im Feuer gestanden. Jetzt machte sich die hohe Abspannung geltend. Nur einige verlangten nach Nahrung. Die meisten waren zum Umsinken müde und legten sich nieder, wo sie gerade standen. In allen Zimmern waren die Fußböden mit Schläfern bedeckt.

Die Hotelbetten waren schon beim Ausbruch des Kampfes in zwei nach dem Hofe zu gelegenen Stuben gebracht worden. Hier lagen die Verwundeten, zu deren Pflege eine Magd des Hotels Valentine beistand.

Als das Feuer eingestellt war, meldeten sich noch ein paar Leichtverletzte, die im Eifer des Kampfes ihre Wunden nicht beachtet hatten. Bestürzt sah sich Valentine um. Sie hätte auch ihnen gern Lagerstätten angewiesen, aber alle vorhandenen Betten waren bereits belegt. Und sie bangte für den nächsten Tag, der ihr wieder neue Verwundete bringen würde.

Da erfuhr sie von der Magd, daß in den Zimmern nebenan ein vornehmer Gast wohne. Der Besitzer des Hotels habe ihm wiederholt eindringlich vorgestellt, wie sein Leben aufs höchste bedroht sei. Aber der Fremde hätte sich geweigert, das gefährdete Haus zu verlassen. Vielleicht würde er auf das anstoßende Zimmer, in dem sich noch zwei Betten befänden, zugunsten der Kranken verzichten.