»Sicher noch zu wenig. Das hochmütige Bürgerpack muß eingeschüchtert werden, sonst wirkt das böse Beispiel auf andere. Auch Frauen müssen Sie festsetzen lassen! Das zwingt den Starrsinn der Männer weit besser, als wenn wir sie selbst einsperren.«
Jetzt wandte sich Heinrich zum Gehen. Was er hier gehört, wühlte sein Innerstes auf. Die Luft im Saal erschien ihm mit einem Mal erstickend. Er vermochte nicht mehr länger auf Herrn Marschall zu warten. »Kämpfen, kämp … fen!« schrie in ihm eine Stimme.
Als er auf den Altmarkt trat, sah er Professor Richter auf das Rathaus zuschreiten. Rasch lief er zu ihm hin und fragte nach Frau Marschall. Professor Richter war noch nicht bei ihr gewesen, lobte aber, als er die Umstände erfuhr, Heinrichs Entschlossenheit, mit der er die Kranke aus dem brennenden Hause gerettet hatte.
Dann erkundigte sich Heinrich nach Valentine. Die wäre seit gestern abend im Hotel Stadt Rom, beschied ihn der Professor, wo sie den Verwundeten die erste Hilfe spende. Damit ließ er den jungen Mann stehen und eilte weiter.
Hocherfreut, Valentine endlich zu sehen, schlug Heinrich den Weg nach dem Neumarkt ein. Als er gestern das Hotel verließ, hätte er nicht gedacht, daß er heute dahin zurückkehren würde. Am liebsten hätte er freilich auf der Schloßgassenbarrikade gefochten. Aber nun Valentine in Stadt Rom weilte, wollte er auch dahin. Er würde in ihrer Nähe kämpfen, und sie legte Verbände an. Vielleicht auch ihm einen? – – Was tat's!
Vierzehntes Kapitel
Nachdem Valentine das elterliche Haus verlassen hatte, war sie nach dem Zeughausklinikum gegangen, um Professor Richter ihre Dienste anzutragen. Dort traf sie ihn auch. Als Valentine bat, sie als Pflegerin zu behalten, lobte der Professor ihren Opfersinn und wies sie an, ihn sogleich durch die Krankensäle zu begleiten, da gerade die Verbände der Verwundeten gewechselt würden.
Wie Valentine die schweren Verletzungen sah, schien es ihr freilich, daß sie ihre Kraft überschätzt habe. Aber sie war zu stolz, Schwäche zu zeigen, und gewöhnte sich allmählich an den Anblick. Aufmerksam achtete sie auf die Handreichungen der andern Pflegerinnen und bemühte sich, es ihnen nachzutun. Ihr starker Wille und ihre natürliche Geschicklichkeit für praktische Verrichtungen halfen ihr bald über die ersten Schwierigkeiten hinweg.
Professor Richter rief Valentine an seine Seite und zeigte ihr, wie Blutungen zu stillen und Wunden zu reinigen und zu verbinden seien. Mit vielem Bedacht ging Valentine ihm zur Hand und empfand heimliche Befriedigung, als ihre Versuche, es selbst zu tun, glückten und als der Arzt seine Zufriedenheit aussprach. Da verlor sich die anfängliche Zaghaftigkeit, und ihre Handgriffe wurden sicherer. So half sie während des ganzen Nachmittags.