»Heinrich,« sagte Valentine mit gepreßter Stimme, »mußtest du das tun? Hast du dich auch wirklich recht geprüft, bevor du diesen verhängnisvollen Schritt tatest?«
Heinrichs Finger glitten unstet am Gewehrriemen auf und nieder.
»Aber, Valentine,« antwortete er mit ungekünstelter Einfalt, »ich habe mich ja doch nie mit Gedanken über Politik ernsthaft beschäftigt. Wenn man so ein einfacher Mensch ist, wo soll es denn da auch herkommen! Hierzu sind ja die Studierten da. Ich habe das bürgerliche Leben von Kind auf viel lieber gehabt, als das Soldatenleben. Und als mich mein Vater in die Uniform hineinzwang, da ist allmählich ein Widerwillen gegen das ganze Soldatenhandwerk in mir herangewachsen, daß ich schon längst schwermütig geworden wäre, wenn ich euch nicht gehabt hätte. Und wie ich sah und hörte, was für politische Anschauungen dein Vater besaß, da hab' ich gleich gewußt, wie ich zu denken hatte. – Ach, Valentine, du weißt das alles ja schon, du kennst mich ja so gut. Warum quälst du mich denn so …?«
Valentine stieg es zum Halse herauf, und sie griff an den Kragen ihres Kleides, als wenn sie ihn aufreißen müsse.
Heinrich trat dicht an sie heran und erzählte in seiner ungelenken Sprechweise, wie es noch glücklich gelungen wäre, ihre Eltern aus dem Hause herauszubringen, und daß er gehört habe, wie die Madam, in ihren Betten bequem auf dem Wagen liegend, zum Herrn Advokaten gesagt habe, es ginge ihr ganz gut, er brauche sich nicht zu ängstigen.
Da schossen Tränen in die Augen des Mädchens. Mit einer ungestümen Bewegung warf sie ihre Arme um Heinrichs Hals, preßte ihn an sich und küßte ihn viele Male. Heinrich wurde rot bis unter die Haarwurzeln und ertrug Valentinens Küsse mit geschlossenen Augen.
Als Valentine die Umarmung gelöst hatte, sah sie Heinrich ohne Verwirrung ins Gesicht.
»Was wirst du nun tun?« fragte sie.
Heinrich nahm langsam das Gewehr von der Schulter und stellte den Kolben hart auf den Boden.
»Schießen,« antwortete er mit düsterer Entschlossenheit, »und zwar bleibe ich hier im Hause.«