Nun erfolgten kurz und ruhig die Kommandos. Die Kolonnen marschierten – von den enttäuschten Blicken der zurückbleibenden Kompagnien begleitet – im Paradeschritt durch die Augustusstraße bis zu ihrer Biegung in den Neumarkt. Hier wurde noch einmal gehalten. Das an dieser Ecke stehende Geschütz gab rasch noch einige Schüsse auf das Hotel de Saxe ab. Dann wurde es zurückgezogen. Gleichzeitig schwieg auch der Verabredung gemäß das Gewehrfeuer der Truppen auf der Terrasse und an der Frauenkirche.
In diesem Augenblick brach die erste Kolonne vor und setzte sich nach dem Neumarkt hin laufend in Bewegung. Sofort nahm das Feuer der Aufrührer an Heftigkeit zu.
Als die Kolonne das Hotel Stadt Berlin am Anfang des Neumarkts erreicht hat, gerät sie ins Stocken. Ein Hagel von Kugeln schlägt in sie ein, und die ersten Verwundeten stürzen auf das Pflaster. Dann stürmen die Soldaten wieder vorwärts. Einige Leute aber weichen zurück.
Leutnant Allmer sieht das. Er verläßt seinen Platz bei der noch hinter dem Johanneum gedeckt stehenden zweiten Kolonne, springt mit schnellen Sätzen vor und zwingt die Zaudernden mit erhobenem Säbel, der Kolonne nachzulaufen. Da fällt sein Blick auf den Soldaten Engler seiner Kompagnie, der mit zerschmettertem Oberschenkel auf dem Platze liegt. Rasch ruft Allmer einen der Vorwärtseilenden zu sich und trägt mit ihm den Schwerverwundeten zurück.
Unterdessen stürmt die Kolonne unter dem vernichtenden Feuer über den weiten Platz hinweg. Die zu Boden Gestürzten bezeichnen den Weg, den sie gegangen. Da strauchelt unmittelbar vor dem Brunnen der seinen Leuten mit hochgeschwungenem Säbel voraneilende Major von Hausen und stürzt zu Boden. Die Kolonne stürmt über ihren gefallenen Führer hinweg und verschwindet in dem von den Vollkugeln des Geschützes eingeschossenen Tor des Hotels de Saxe.
Noch hat der letzte Mann das Tor nicht erreicht, als der von einem Prellschuß ans Knie getroffene Major von Hausen sich erhebt und mit langen Sprüngen der Kolonne nacheilt.
Jetzt läßt der Artilleriehauptmann Grünwald das Geschütz wieder vor dem Brühlschen Palais auffahren und richtet es selbst gegen Stadt Rom. Ein paar wohlgezielte Schüsse schnell hintereinander, dann stürzt die zweite Kolonne vor.
Am Jüdenhof, von wo die Stürmenden an den Kindschen Häusern entlang müssen, geraten sie ins Kreuzfeuer. Leutnant Allmer wirft vom Flügel aus einen Blick über seine Leute. Mit keuchendem Atem und geschlossenen Augen stürmen sie vorwärts, – durch den Eisenhagel hindurch.
»Schlag' fester!« knirscht er dem Tambour an seiner rechten Seite zu.
»Bumm – bummbumm! – – – bumm – bummbumm!« tönt der Klang der Trommel dumpf in das Pfeifen und Rasseln und Krachen des entsetzlichen Höllenkonzerts hinein. Tambour Gebhardt, ein vierzehnjähriger Knabe, schlägt wie verzweifelt auf das Kalbfell. Da zersplittert ein Trommelstock beim heftigen Aufschlagen auf den Eisenring der Trommel. Den zweiten reißt ihm eine Kugel aus der Hand. Er hämmert mit den Fäusten drauflos. »Bumm – bummbumm! – – – bumm – bummbumm!« – Kurt Allmer schließt ebenfalls eine Sekunde lang die Augen; – eine Wolke von Eisen fliegt um die Stirnen … Von vorn und besonders von rechts, aus den kaum zehn Schritt entfernten Häusern, zischen, schwirren und heulen die Geschosse in den wie sinnlos vorwärtsstürzenden Menschenhaufen blind hinein und reißen ihre Opfer wütend zu Boden. »Bumm – bummbumm! – – – bumm – bummbumm!« Leutnant Allmer bohrt seine Augen in den Nacken des vor ihm laufenden Soldaten Lucas. Da fliegt dessen Hinterkopf weg und blutiger Brei spritzt umher. Der Verwundete bricht wie vom Blitz getroffen zusammen. Allmer springt über ihn hinweg, stürzt beinahe, rafft sich aber wieder auf. Eine Hand packt ihn von hinten am Rock. Er wendet den Kopf und reißt sich los, – Soldat Löffler fällt mit zerschmettertem Unterkiefer nieder. »Bumm – bummbumm! – – – bumm – bummbumm!« – »Will denn dieser feuer- und flammenspeiende Höllenweg kein Ende nehmen?« keucht Allmer, um im nächsten Augenblick aufzuschreien: »Schlag' fester! – – fe – ster!« – »Bumm – bummbumm! bumm – – – bummbumm!« Der Tambour haut bloß noch mit der rechten Faust, die linke Hand hängt vom Knöchel an einem Fleischfetzen herab. »Bumm – bummbumm! – – – bumm – bummbumm!« klingt es nur noch matt. Das Gebrüll, Gestampfe, Geknatter und Geprassel frißt den Klang der Trommel gierig ein.