Er wandte den Blick zur Seite und unterschied hinter dem Vorhang einen weiblichen Kopf. Tante Sidonie konnte es nicht sein; dieses Gesicht war ja viel jünger. Es war ein feingezeichnetes Profil, was er dort sah. Er konnte die Umrisse des Kopfes gegen den hellen Hintergrund klar erkennen.
Wieder machte er eine Bewegung. Darauf klangen eilig leise Schritte, und Tante Sidonie stand vor ihm. Jetzt besaß er soviel Kraft, daß er sie genau betrachten konnte. Ihr Gesicht schien ihm schmaler als sonst. Ja, wenn ihn nicht alles täuschte, sah er darin tiefe Falten. Hatte Tante Sidonie denn Sorgen?
»Was ist mir?« fragte Kurt leise, »und wo bin ich?«
Beim Klang dieser Stimme zuckte es in Tante Sidoniens Gesicht wunderlich, und sie warf einen Freudenblick hinter sich, als ob noch jemand im Zimmer sei. Dann trug sie flink einen Stuhl herbei und setzte sich neben dem Kranken nieder.
»Weißt du nicht, Kurt,« fragte sie mit gedämpfter Stimme, »daß du während des Straßenkampfs verwundet worden bist?«
Kurt sann angestrengt nach. Straßenkampf? Verwundet? – Da zerriß der undurchdringliche Schleier, der ihm die letzte Vergangenheit verhüllte, und blitzschnell zog alles noch einmal an seinem Geiste vorüber. Die Anfänge der Bewegung traten vor seine Seele, sein Zaudern, das Marschallsche Haus, seine Erkenntnis der wahren Sachlage, der Abschied von Valentine, Ursulas Zürnen und der Kampf und der Sturmangriff auf Stadt Rom. Dann sah er Valentine Marschall mit der Pistole in der Hand, entsann sich des heftigen Schlags, den er im Rücken gespürt, – und zuletzt, schon ganz verschwommen, tauchte der weite, menschenleere Neumarkt in seiner Erinnerung herauf.
»Und wo befinde ich mich?« fragte er noch einmal.
»Du bist bei Abendroths, lieber Kurt. Das ist Ursulas Zimmer. Und Ursula ist es auch gewesen, der du es neben unserm lieben Herrgott verdankst, wenn du jetzt wieder auf dem Wege der Genesung bist.«
Das alte Fräulein machte in das Zimmer eine bejahende Handbewegung. Dann fuhr sie rasch fort: