Der erste Zusammenstoß vor dem Zeughaus.
Erstes Kapitel
Über der breiten Hauptstraße, die in Dresden vom Blockhaus in einer schnurgeraden Linie nach dem Bautzner Platz lief, lag die Dämmerung.
Es war ein sonniger Oktobertag gewesen. Der Wind hatte die letzten Fäden des Altweibersommers über die buntbelaubten Äste der Bäume gehängt, und auf den Bänken der breiten Mittelallee hatten sich zahlreiche Spaziergänger ausgeruht und die behagliche Wärme der Sonnenstrahlen genossen. Jetzt war es kühl, und der Abendwind bewegte leise die Zweige. Die vergilbten Blätter schwebten unaufhörlich zur Erde nieder und wurden vom Winde überallhin verstreut.
Unter den dichten Baumreihen war es belebt. Friedliche Bürger schlenderten Arm in Arm mit ihren Frauen die Allee hinab, junges Volk trieb allerhand Allotria, und Kinder tummelten sich spielend zwischen den Spaziergängern. Besonders lebhaft war es auf dem unteren Teil der Hauptstraße. Hier stand, gegenüber der Dreikönigskirche, breit und wuchtig die alte Kaserne des 1. Linien-Infanterieregiments Prinz Albert.
Aus vielen Fenstern dieses großen Baues sahen Soldaten heraus, die mit untenstehenden jungen Mädchen plauderten oder mit vorübergehenden Bekannten Begrüßungen austauschten. Hier und da baumelten über ihren Köpfen an einer Schnur frischgescheuerte Halsbinden und Feldmützen. Zuweilen blieben die auf der Allee Lustwandelnden wohl ein Weilchen stehen, um den Melodien der alten Soldatenlieder zu lauschen, die aus der Kaserne schallten.
Inzwischen war es dunkel geworden, und die wenigen Gaslaternen flammten trübe auf. Auch in den Mannschaftsstuben wurde Licht gemacht.
Die Soldaten hatten heute Brotfassen. Aus diesem Grunde war das breite Hauptportal der Kaserne, wie an jedem dieser Tage, dicht umlagert. Besonders Kinder und einfache Frauen drängten sich heran, um für wenige Groschen ein frisches Kommißbrot zu erhandeln.
Unter dem hohen Torbogen stand der Posten vor dem Gewehr, die Ungeduldigen von Zeit zu Zeit zurückweisend. Hinter ihm unterhielt sich in der breiten Halle eine Anzahl jüngerer Unteroffiziere im Drillichanzug.